St. Barbara Golmsdorf

Ein Columbarium für Golmsdorf

Die „KiBa-Kirche des Monats September“ soll künftig nicht allein für Gottesdienste genutzt werden

Man hätte es großzügig nennen können: Vor seinem Ableben gab ein gewisser Veit Biertümpfel die stattliche Summe von 200 Gulden, damit im thüringer Örtchen Golmsdorf die Kirche erneuert werden konnte. Allein: nicht Großzügigkeit, Heimatliebe oder innigster Glaube bewegten den Biertümpfel zu dieser Tat, es war schlicht der Wunsch nach einem schnellen Tod und einem ordentlichen Begräbnis. Denn dem Mann, der unter Folterqualen den Mord an einer Hausangestellten gestanden hatte, drohten der Galgen oder das Rad. Dank seiner „Spende“ erwirkte er eine mildere Bestrafung: Er wurde geköpft und begraben. So jedenfalls ist es in der Ortschronik von Golmsdorf zu lesen.

Nutznießerin dieser fragwürdigen Form der Akquise ist die Kirche St. Barbara. Das Gebäude geht auf einen spätmittelalterlichen Vorgängerbau zurück; aus dieser Zeit stammt der untere Teil des rechteckigen Chorturmes  mit einem Kreuzrippengewölbe. Einen Altar erhielt das Kirchlein im Jahr 1444, der Taufstein stammt, einer Inschrift zufolge, aus dem Jahr 1583. Die durch den unglücklichen Biertümpfel finanzierte Erneuerung von Kirchenschiff und Sakristei fand 1685 statt. Auch die Kanzel mit Darstellung der vier Evangelisten wurde Ende des 17. Jahrhunderts erbaut. 

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St. Barbara Golmsdorf 

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Im Inneren der „KiBa-Kirche des Monats September“ zieht auch das erst 1935 entstandene Glasbild im Chorraum die Blicke auf sich. Das von dem Jenaer Künstler Fritz Körner geschaffene Bild stellt Christus mit einem Lamm auf dem Arm als guten Hirten dar. Das gleiche Motiv findet sich auch in dem alten Schlussstein im Kreuzrippengewölbe des Altarraums. In der im Übrigen nach lutherischer Tradition eher schmuckarmen Kirche befindet sich im oberen zentralen Bereich des Triumphbogens ein Reliefbild des Reformators. Die Brüstungen der dreiseitigen Emporen tragen Bibel-Zitate.

Bemerkenswert ist auch die jüngere Geschichte der kleinen Kirche. Als einziges Gotteshaus in der Gemeinde, zu der neben Golmsdorf die Orte Beutnitz, Kunitz, Löberschütz und Jenalöbnitz gehören, war St. Barbara nach der Wiedervereinigung noch in Betrieb. Die übrigen Kirchen, und das waren immerhin vier, hatten unterschiedlicher Mängel wegen nach und nach ihre Pforten geschlossen und wurden jahrelang renoviert. Inzwischen blühen die Kirchen ringsum wieder in stabiler Schönheit, und nun ist es St. Barbara, die schwächelt: der Holzschwamm hat sich in den Ecken des Dachs ausgebreitet, Risse im Mauerwerk sind unübersehbar, die Statik ist in Gefahr.

Fünf Dörfer, fünf Kirchen – ist es wirklich nötig, dass nun auch in Golmsdorf noch saniert wird? „Die Frage hören wir natürlich häufiger“, sagt Claudia Persch vom örtlichen Förderverein. Zur Beantwortung zündet man in Golmsdorf mehrere Begründungsstufen: Zum einen gehöre die Kirche natürlich ins Dorf, „aber das ist verständlicherweise kein richtig überzeugendes Argument“, weiß Persch. Schlagender schon dieses: „Die Kirche hat die schwierigen DDR-Zeiten überstanden – und jetzt, wo viel mehr Geld da ist, jetzt sollen wir einen Abriss-Antrag stellen?“ Nein, meinen die Fördervereinsvorsitzende und ihre rund 30 Mitstreiter. Stattdessen soll ein neues Konzept zur Nutzung greifen: „Wir wollen die Kirche künftig für Gottesdienste, aber auch als Kolumbarium verwenden“. Hintergrund dieser Entscheidung: Immer weniger Menschen in Golmsdorf und Umgebung haben Verwandtschaft in der Nähe; die wenigsten können noch damit rechnen, dass nach ihrem Ableben ihre Grabstätte angemessen gepflegt wird. „Auch für meine Söhne, die in Deutschland verstreut leben, wird es kaum möglich sein, für mein Grab regelmäßig zu sorgen“, sagt Claudia Persch.

Doch vorher muss einiges geschehen, das ist allen in der Gemeinde klar. Zunächst soll dem Schwamm zu Leibe gerückt werden, außerdem müssen die Risse im Mauerwerk bearbeitet, die Kirche stabilisiert werden. „Das sind leider alles Maßnahmen, deren Ergebnis man am Ende kaum sieht“, weiß Persch. „Wir müssen einen langen Atem haben“.

Unverdrossen planen die Golmsdorfer Tombolas auf Gemeindefesten, Benefizkonzerte und Trödelmärkte. Am erfolgreichsten, berichtet Persch schmunzelnd, ist der Verkauf von Glühwein beim Adventsbasar: „Das geht super“. Aber auch das selbstgefertigte Backbuch findet hocherfreute Abnehmer.

Anders als es Veit Biertümpfel vergönnt war, können die Gemeindemitglieder freiwillig großzügig sein – „und das sind sie“, betont Persch. Obwohl die Menschen in Golmsdorf und Umgebung schon in den vergangenen Jahren immer wieder für die Nachbarkirchen gespendet hatten, ist inzwischen so viel Geld zusammengekommen, dass nun auch an St. Barbara die ersten Gerüste aufgebaut werden können. Insgesamt 80.000 Euro werden zunächst für den 1. Bauabschnitt benötigt, die Stiftung KiBa kann, auch Dank einer großzügigen Projektspende, 20.000, Euro zur Verfügung stellen. Bis Weihnachten sollen die Arbeiten beendet und Grundlage für weitere Instandsetzungsarbeiten gelegt sein. Wann die beginnen können, ist noch nicht klar. „Wie gesagt, wir brauchen einen langen Atem“, wiederholt Persch. Müde klingt das nicht.