Dreikönigskirche zu Dresden
Dreikönigskirche zu Dresden

Predigt im Gottesdienst

Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Es wird die Legende erzählt, dass einst ein Mönch sein Kloster verließ, um spazieren zu gehen. Er wanderte im weiten Forst des Klosters, umhüllt vom Gesang der Vögel und dem Rauschen der Kiefern und sann über einen Satz aus dem 90. Psalm nach. Die Abenddämmerung nahte und er machte sich auf den Weg zurück zur Hora. Als er wieder zur Klosterpforte kam, saß dort am Eingang ein Mönch, den er noch nie gesehen hatte. Der verwehrte ihm den Eintritt, denn er kannte den heimkehrenden Bruder nicht. Jener aber bestand darauf, eingelassen zu werden, er sei doch nur für einige Stunden fort gewesen. Ratlos führte man ihn zum Abt, doch auch dieser hatte ihn noch nie gesehen. Und unter den anwesenden Brüdern sah der verwirrte Mönch nicht ein bekanntes Gesicht. Ungläubiges Staunen breitete sich aus, denn immer noch beharrte der Unbekannte darauf, ein Angehöriger dieses Klosters zu sein. Und in überraschender Weise kannte er sich aus. Er schien zu Hause zu sein, wusste den Weg zum Refektorium, ahnte die Sitzordnung in der Klausur und be-rührte vertraut beim Weg durch den Kreuzgang die Formsteine am Marienfenster. Nach Stunden ging man ins Archiv, um dort nach Einträgen von diesem Mönch in den Schriften zu suchen. Schließlich fand man nach langem Studieren in einer al-ten Chronik die Geschichte von einem Mönch, der an einem Tag das Kloster verlas-sen hatte und niemals mehr zurückgekehrt war. Und dieser Eintrag war genau tau-send Jahre alt. Die Lesung zur Meditation für den Konvent an jenem Tag, ein Mil-lennium zurück, stand im vierten Vers des 90. Psalm: Tausend Jahre Gott, sind vor Dir wie ein Tag!

Wir reden über die Zeit. Die Bibel redet wenig über Orte, aber viel über Zeiten. Über die 120 Jahre, die Menschen alt werden, über die sieben Tage der Schöpfung oder die Jahrzehnte, in denen Könige über das Nord- oder Südreich regierten. Vor allem aber über die Ewigkeit. Zeiträume, die weit über alle biographischen Erinnerungsge-schichten hinausgehen. Auch der Blick nach vorn bleibt für die meisten fast ohne Vorstellung. "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht." Das war die berühmte Antwort von Augustin, als er in seinen Confessionen über die Zeit schreibt. Heute reden wir anders über die Zeit. Sie wird zur verdichteten Gegenwart.

Niemand verstand die Zeit so, wie sie uns heute erscheint. Es war eine Vorstellung, dass die Zeit in den Dingen selbst wohnte und wieder mit den Dingen verschwinden konnte. Deshalb konnte Augustin auch von den Zukünften im Plural sprechen. Da-zu aber kam eine zweite Vorstellung, eine mythologische Zeitordnung. Davon sprach nicht die menschliche Erfahrung, sondern die Bibel. Da wurde vom jüngsten Gericht, von der Wiederkehr Christi auf Erden und der anbrechenden Gottesherr-schaft gesprochen. Mit dieser Zukunft, so hieß es, würde sich der Kreis, der mit der Schöpfung begonnen hatte, einstmals wieder in Christus schließen. Wann das nun sein würde, ließ sich schlecht abschätzen, weil die irdischen Vorhersagen dafür nicht taugten. Und auch die Bibel verbot ja eigentlich, danach zu forschen. Doch die von Jesus gewiesenen Vorzeichen des Weltendes, also Erdbeben und Sternenfall, Sonn- und Mondfinsternisse, Krieg und Pestilenz, auch das Auftreten der falschen Propheten und das Erkalten der Liebe zwischen den Menschen, waren ja aus dem 24. Kapitel des Matthäusevangeliums bekannt. Sie bestätigten eine konkrete Erwar-tung. "Alt und hinfällig ist die Welt geworden..." so hieß es in den Schenkungsur-kunden der Klöster häufig. Und so baute man Orte der Ewigkeit oder Gemeindekir-chen.

In einer solchen mittelalterlichen Frömmigkeit liegt auch die Wahrheit der Legende von dem verlorenen Mönch. Der Augenblick des Tages war eingebunden in eine weite mythische Perspektive, die nichts mit Kurzfristigkeit zu tun hatte. Menschen lebten in der Verheißung einer Ewigkeit. Der Glaube kennt nicht den unbestechli-chen Maßstab chronologischer Zeitrechnung. Er kann das Allernächste in unbe-stimmte Ferne rücken und das Ferne in bedrängende Nähe. Darin findet sich auch die Erklärung für die Behauptung, dass die Menschen im Mittelalter viel älter wur-den, als wir heute. Warum stimmt dieser Satz, obwohl wir heute so alt werden, wie niemals zuvor in der Geschichte? Die Menschen im Mittelalter hatten mit ihrer mittle-ren Lebenserwartung von 35 bis 40 Jahren noch die ganze Ewigkeit vor sich.

Von solchen Zeitvorstellungen sind wir Jahrhunderte entfernt. In einer extremen Be-schleunigung vernichten wir Zeit. Von Ewigkeiten spricht keiner mehr. Uns er-scheint es schon als Lebensverschwendung, wenn am Postschalter nur drei Perso-nen vor uns stehen und wir warten müssen. Ein Computer darf nicht 30 Sekunden lang starten, sondern soll uns sofort das Fenster in die unendliche virtuelle Welt öff-nen. So vernichten wir Räume und Zeiten. Ein Wort, das in die Alltagssprache ein-gewandert ist, heißt Echtzeit. Es meint die wirkliche Zeit - im Vergleich zur simulier-ten Zeit. Ich will Informationen vom andern Ende der Welt ohne Zeitverzögerung, in Echtzeit. Doch was ist das Gegenteil: Falsch-Zeit, unechte Zeit, nur weil die zu lange dauert oder extrem beschleunigt ist? Wir reden über Kirchengebäude, die 900 Jahre oder älter sind - in wenigen Wochen bin ich zu einem Jubiläum eingeladen in der Cathedral of Ripon in Nordenglang, die 1350 Jahre alt ist. Wir reden in der Kirche über eine unendlich langsame Echtzeit. Man ließ Raum dem Vergehen. Warum? Weil alle Uhren auf dieser Erde nicht die Echtzeit messen, sondern nur die lächer-lich kurzen Passagen unserer beschränkten Lebensvorstellungen. Mehr nicht. In den Kirchengebäuden, ja auch in der glaubenden Gemeinschaft, verliert die chrono-logische Zeit ihre Wirkung. Denn im Kairos, in der Heilszeit, hat sie keine Bedeutung mehr. Friedhelm Hengsbach hat vor einigen Jahren beschrieben, wie die Beschleu-nigung unserer Kultur durch die Ökonomisierung ausgelöst worden ist und immer weiter forciert wird. Wenn in Milli-Sekunden Handelsgeschäfte per Computer ge-macht werden, übrigens auch manchmal fast Börsencrash entstehen könnten, dann ist jedes Überlegen ausgeschaltet und Verlässlichkeit wird nur ein definiertes Zah-lenspiel. Seit Jahren wehren wir uns gegen diese Gewalt und verteidigen den Sonn-tag als große Erinnerung an die Zeit des Heils. Eine Neue Zeit, die mit der Auferste-hung Christi begann. Wenn nur der Chronos bleibt, werden wir als Zeitsklaven uns einst schmerzlich erinnern an die großen Freiheitsräume unseres Glaubens, als ein Gang um unsere Kirchen und über ihre Friedhöfe, eine Erkundung des kirchlichen Raumes wie eine Ewigkeit war.

Doch warum rede ich nur über die Zeit und nicht über den schönen Satz aus dem Johannesevangelium, der über unserem Gottesdienst steht: "Wer mich liebt, der wird mein Wort halten"? Weil man diesen Satz nur in einer anderen Zeit recht versteht. Ich meine nicht zuerst die Minuten, die wir zum Nachdenken brauchen. Die sind auch wichtig. Sondern ich spreche über die zwei Haltungen, von denen Jesus in diesem Vers spricht. Die Liebe und die Treue. "Wer mich liebt, wird treu in meinem Wort bleiben."

Die Liebe braucht Zeit, die Treue auch. In der Liebe liefern wir uns aus. In der Liebe sind wir am meisten die, die wir sein sollen. Wir bestehen nicht auf uns selbst. Wir genügen uns nicht selbst, und wollen nicht in der Eile der Tage den Sinn verlieren. Deshalb will alle leidenschaftliche Liebe ewig sein. Vielleicht entsteht sie manchmal in einem einzigen Augenblick, im Rausch des Moments. Aber sie braucht Zeit zum Wachstum. Sie muss die Erfüllung und die Enttäuschung erleben. Vielleicht bleibt sie lange unsichtbar, aber sie will die beschränkten Denk- und Glaubenshorizonte durchbrechen. Mit der Treue ist es nicht anders. Jeder, der einmal wirklich geliebt hat, weiß, dass diese Treue nicht nur Verantwortung, sondern manchmal auch Schmerz sein kann. Die Annahme der Gnade Gottes ist nicht eine Sache des theo-logischen Verstandes, sondern der Treue. Leidenschaftliche Liebe gebiert die Treue. Das "Wort halten", diese Treue zu Gottes Wort, kann nicht hoch genug bewertet wer-den, denn die Verfallszeiten von Worten sind kurz und werden immer kürzer. Wir leben in einer treulosen Gesellschaft. In fast allen Lebensbereichen kann man es sehen: Beziehungen gelten oft nicht mehr "lebenslang", ein Ehrenwort ist schon lange kein Wort der Ehre bis zum Tod mehr, verlässliche Worte sind rar. Dem Wort Gottes treu zu sein heißt vor allem, ihm etwas zuzutrauen. Dieses Wort steht beliebi-gen Spielarten der Moden und Trends als Gottes Wirkkraft gegenüber.

Kirchen sind standorttreu. Ein Ort, in dem die Liebe zum Wort Gottes beständig ge-blieben ist; in allem Wandel. Hierher muss man kommen, in einen anderen, einen fremden Ort (heterotopos). Wir brauchen Orte, Zeiten und Rhythmen, um unserem Leben Gestalt zu geben. Der Mensch baut sich nicht nur von innen nach außen. Er wird auch von außen nach innen gebaut. Unser Glaube braucht Form, Aufführung, Geste, Inszenierung. Diese Orte bieten in ihrer Fremdheit und ihrer Geschichte den fremden Raum, den wir brauchen. Denn nur in der Fremde können wir uns selbst erkennen. Im Bekannten können wir keine Reise antreten, die uns wegführt von uns selbst. Das Alter der Kirchen, ihre bleibende Fremdheit, niemals sind sie unsere Wohnzimmer, schaffen eine Weisheit, die von Beständigkeit spricht und von Treue zu dem einen Wort, weit vor und weit nach unserer eigenen Lebenszeit.

Jerusalem sollte mit der Seele, nicht mit den Füssen gesucht werden, so legte man im Mittelalter die Geschichte vom himmlischen Jerusalem aus. Wie lange wir noch warten müssen auf die Wiederkehr Gottes? Gott allein weiß es. Doch Mönche lebten in dieser Erwartung und bauten Klöster. Sie gaben diesem Zukunftsbild einen kon-kreten Ort. Sie schufen einen genius loci, einen Geist eines Ortes, der der Seele ver-lässlichen Raum gab. Trauen wir diesem Glauben an die Ewigkeit Gottes etwas zu?

Trauen wir dem Wort Gottes zu, diese Welt mit Liebe zu verwandeln und freuen wir uns über die Inspiration, dieser Hallen, die - wie es bei Hosea heißt - zeigen "das es Gott dem Herrn gefallen habe, seine Herrlichkeit immer wieder Menschen ansichtig zu machen." (Hosea 3, 22). Und wir ergänzen: In Zeit und Ewigkeit.

Amen