Rieter-Kirche in Kalbensteinberg
Rieter-Kirche in Kalbensteinberg

Von Maria, dem Palmesel und schönen Schiefern

„Kirche des Monats September 2018“ in Kalbensteinberg

„Ein wenig wie bei der Verhüllung des Reichstags durch Christo" sieht sie aus, die Kirche St. Marien und Christophorus im fränkischen Kalbensteinberg, sagt Thomas Müller. Der Anblick ist nicht nur für ihn ungewohnt: Chor und Turm des mittelalterlichen Saalbaus sind eingepackt und eingerüstet bis zur Spitze, die Sanierungsarbeiten dort „in vollem Gang“, berichtet der Vorsitzende des Bauausschusses im Kirchenvorstand. Zum Glück wird überwiegend am Äußeren des Gebäudes gewerkelt. Das Innere der auch als „Fränkisches Schatzkästlein“ bezeichneten Kirche bleibt weitgehend unberührt, Gottesdienste, Konzerte und Kirchenführungen können meist stattfinden wie gehabt.

Insbesondere dieses Innenleben ist es, das die „Kirche des Monats September 2018“ der Internetseite der örtlichen Touristen-Information zufolge zu „den kunsthistorisch wertvollsten Gotteshäusern im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen“ macht. Zu danken ist dies dem Nürnberger Patriziergeschlecht der Rieter. Die adelige Familie ließ die Saalkirche aus Sandstein im Mittelalter erbauen; der Grundstein wurde im Juli 1464 gelegt. Heutigen Besuchern zeigt sich das Gebäude weitgehend im Zustand von 1613, als es Hans Rieter kunstsinnig und offenbar auch mit einiger Bauernschläue umfassend renovieren und dabei mit wertvollen Kunstobjekten ausstatten ließ, die im Zuge der Reformation aus anderen Kirchen im Umkreis von Nürnberg entfernt worden waren.

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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St. Marien und Christophorus (Rieterkirche) Kalbensteinberg 

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Auch deshalb ist die Kirche Anziehungspunkt für jährlich etwa 4000 auswärtige Besucher. Ins Auge fallen diesen vermutlich zunächst die reich geschnitzten, im Renaissance-Stil gehaltenen Emporen. Auch das Chorgestühl ist mit kunstvoll geschnitzten Figuren verziert. Die Seitenaltäre werden dem Lehrer Albrecht Dürers, Michael Wohlgemut (bzw. dessen Schule) zugeschrieben. Neben der Sakristeitür ist eine Terrakotta-Figur zu finden: Maria mit dem Kind. Die Legende besagt, dass die Figur einst Tränen vergießen konnte. Damit wurde die „tränende Madonna“ für die Gläubigen vor der Reformation eine mysteriöse Besonderheit. Auch um andere Figuren in der Kirche ranken sich Geschichten: Der „Palmesel“ vor dem Sakramentshäuschen beispielsweise soll sich einst hufkräftig gegen Diebe erwehrt haben.

Thomas Müller kennt die Rieter-Kirche seit er denken kann: Der 44-jährige Kommunikationsdesigner ist in Kalbensteinberg geboren und aufgewachsen. Nach sechs auswärtigen Jahren ist er mit seiner Familie vor zehn Jahren in die Heimat zurückgekehrt. „Und wie es so ist, weiß man erst wenn man einmal in der Ferne war, zu schätzen, welchen Schatz man hier hat“, sagt er lachend. Damit das so bleibt, hat die Gemeinde zwei Restauratoren beauftragt, die sich während der Sanierung um das Wohl der Kunstwerke in der Kirche kümmern. Zur Unterstützung des Palmesels wurde außerdem die Alarmanlage erneuert.

Viel haben sich die Sanierer vorgenommen: Das Tragwerk von St. Marien und Christophorus muss erneuert, Turm und Chor müssen neu eingedeckt werden. Auch die Sandsteinfassade ist an vielen Stellen so mitgenommen, dass teilweise handbreite Lücken bestehen, die geschlossen werden müssen. Ein zweiter Bauabschnitt im kommenden Jahr soll dem Kirchenschiff und der Schädlingsbekämpfung gewidmet sein. Und natürlich stehen noch viele weitere Desiderate auf dem Wunschzettel der Gemeinde. „Schaun wir mal, wie weit wir kommen mit dem Geld“, sagt Thomas Müller. In der Gesamtkalkulation gehen die Kalbensteinberger von Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro aus. Die Stiftung KiBa steuert in diesem Jahr 15.000 Euro bei. Und auch die Gemeinde engagiert sich zuverlässig. Mehrmals im Jahr gibt es Konzerte, deren Erlöse dem Sanierungstopf zukommen, Kirchenführungen gehören zum Standardprogramm. Und immer mal wieder gibt es ein besonders kreatives Highlight zur Spendengewinnung. Beim letzten Kirschhoffest, berichtet Thomas Müller, wurden die alten schwarzen Schiefertafeln vom Dach der Kirche angeboten: blank geputzt und mit Bildern oder Sprüchen versehen. Rund 130 liebevoll verzierte Exemplare fanden Abnehmer. Beliebte Motive auf den Schindeln waren die Kirche, individuelle Namenszüge oder auch das Wappen der Rieter-Familie. So befördert das alte Adelsgeschlecht auch nach seinem Aussterben das von ihm über Jahrhunderte gepflegte Bauwerk getreu der alten Inschrift über dem Südportal, „zur ehre Gotes und der Jungkfrawen marie“.