St. Peter und Paul Weimar (Herderkirche)

Wo Luther und Herder predigten

Die Stadtkirche in Weimar ist „Kirche des Monats November 2016“

Das „Bankrettungspaket“ in Weimar läuft sehr erfolgreich. „Bankrettungsschirme“ gehörten dazu, „Bankgeheimnisse“ und „Bankpatenschaften“. Assoziationen an Wortungetüme, die bei der jüngsten europäischen Finanzkrise vielfach zu hören und zu lesen waren, sind beabsichtigt, geht es doch auch in Weimar um Geld – und um möglichst viel davon. Doch zwei kleine Punkte machen den großen Unterschied: Nicht die Rettung von Banken, sondern der Erhalt von Bänken ist das Ziel. Das elegante dunkle Holzgestühl in der Stadtkirche St. Peter und Paul wird im Zuge der Innensanierung der Kirche restauriert. Was lag da näher als nach bewährten Instrumenten für die Finanzierung Ausschau zu halten? Die „Bankenrettungsschirme“ sind blau rot und kosten 30 Euro; wer ein Exemplar erwirbt, kann nicht nur stets trockenen Fußes durch die Stadt gehen, sondern auch mit dem guten Gefühl, die Instandsetzung der Kirche unterstützt zu haben. Und wer noch mehr tun möchte, kann für 50 Euro die Patenschaft für einen halben Sitzplatz in der Kirche erwerben – wobei die Zahl der Patenschaften wie im echten Leben unbegrenzt ist. Die „Bankgeheimnisse“ schließlich sind eine kleine Publikation, die historisch interessierten Käufern entdeckt, wer in den Gottesdiensten vorausgegangener Jahrhunderte auf den Bänken Platz genommen hat. Sie erscheint in Kürze als letzter Baustein des „Bankrettungspakets“.

 

 

 

 

 

 

 

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Der „Promifaktor“ dieser vergangenen Zeiten war hoch in der „KiBa-Kirche des Monats November 2016“. Das seit 1998 gemeinsam mit dem Herderhaus und -garten sowie dem benachbarten Alten Gymnasium zum UNESCO-Welterbe "Klassisches Weimar" gehörende Bauwerk wird von den Weimarern „Herderkirche“ genannt – womit ein erster berühmter Name schon gefallen ist: Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) wirkte von 1776 bis 1803 als Oberhofprediger, Oberkonsistorialrat, Generalsuperintendent und Pastor an der Stadtkirche. Eine gusseisernes Relief mit Herders Wahlspruch “Licht Liebe Leben“ bedeckt sein Grab im westlichen Langhaus.

Lange vor Herder, in den Jahren von 1518 bis 1540, hatte auch Martin Luther (1483 – 1546) immer wieder in St. Peter und Paul gepredigt, wenn er – oft auf der Durchreise – in Weimar zu Gast war. Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) verbrachte insgesamt mehr als neun Jahre seines Lebens in Weimar. Zwischen 1708 und 1717 musizierte er auch in der Stadtkirche; sechs Kinder seiner ersten Frau Maria Barbara wurden dort getauft. Aber auch die Vertreterinnen und Vertreter des Weimarer Fürstenhofs haben die Kirche frequentiert, die von der Mitte des 16. Jahrhunderts an bis Mitte des 17. Jahrhunderts - die fürstliche Grablege der ernestinischen Wettiner war.

Der Ursprung von St. Peter und Paul reicht in die Zeit der Stadtgründung zurück. Der erste Kirchenbau fand in den Jahren 1245 bis 1249 statt; die heutige spätgotische Hallenkirche wurde in den Jahren 1498 bis 1500 an dieser Stelle erbaut. Von der originalen spätgotischen Ausstattung sind der Taufstein, der Aufgang zur barock umkleideten Kanzel und Teile eines Wandbildes unter der Orgelempore erhalten. Ihr jetziges Aussehen im Innenraum erhielt die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie stark zerstört worden war. 1953 wurde sie wieder eingeweiht. Für den Wiederaufbau spendete auch Thomas Mann – das Preisgeld des Goethepreises, den er 1949 in Weimar verliehen bekommen hatte.

Die Herderkirche ist bis heute reich mit Kunstwerken ausgestattet. Der Flügelaltar, der 1552 von Lucas Cranach d.J. gemalt wurde, gilt als eines der bedeutendsten Werke der sächsisch-thüringischen Kunst des 16. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist auch der Lutherschrein, ein Triptychon aus dem Jahr 1572, das Martin Luther als Mönch, als Junker Jörg und als Magister zeigt.

Die Instandsetzung des Gestühls der Stadtkirche ist Teil einer umfassenden Restaurierung des Innenraums, die vor vier Jahren mit der Sanierung des Fußbodens und der Klimatechnik begann. In diesen Tagen werden „letzte Hände angelegt“ an den Orgelprospekt, die Kanzel, den Taufstein und die Innentüren; das Gestühl wird mit Sitznummern versehen. Durch das „Bankrettungspaket“ kamen dafür bislang Spenden in Höhe von gut 16.000 Euro zusammen.

Die Aktion „Rettet die Bänke“ ist nur ein kleiner Baustein der fast fünfjährigen umfassenden Innensanierung. Ein völlig neues Farbkonzept entwickelte sich aus der Wiederherstellung des historischen Fußbodens im Kirchenschiff in roten handgebrannten Tonscherben. Unterschiedliche Weiß- und Grautöne geben dem Kirchenraum eine ungewohnte Weite und lassen die liturgischen Einrichtungsgegenstände (Altar, Kanzel, Epitaphe und Orgel) neu hervortreten. Sparsam eingesetzte Vergoldungen veredeln Emporenansichten, Orgelprospekt und Kanzel. Die Struktur des Gewölbes erschließt sich durch farbliche Absetzungen und Schattenstriche unaufdringlich auf den zweiten Blick. Die im Krieg verloren gegangene Predella wurde aus alten Unterlagen rekonstruiert und wieder hergestellt. Nun verbindet sie wieder Altar und Abendmahlspraxis der Gemeinde. Alle Epitaphe der ernestinischen Grablege wurden restauriert.

Die Begleitung der Restaurierung des Innenraumes ist auch von Seiten der Kirchgemeinde ein Gemeinschaftsprojekt. Eine fünfköpfige Arbeitsgruppe trifft die notwendigen Entscheidungen. „Ohne diese Gruppe, in der sich verschiedenste Kompetenzen vereinen, wäre das Ergebnis nicht zu erreichen gewesen“, betont Pfarrer Kircheis.

Eine erste Entscheidung der Arbeitsgruppe hieß: Während der Bauphase bleibt die Kirche „Offene Kirche“. Der Kirchraum ohne Fußboden oder mit eingerüstetem Mittelschiff, das bedeutete für Touristen, Gottesdienstbesucher und Gemeindemitglieder auch Einschränkungen und Umwege. Umgekehrt war es auch für die in der Kirche tätigen Handwerker eine ständige Herausforderung, auf Mittagsandachten und andere Veranstaltungen Rücksicht zu nehmen, sagt Sebastian Kircheis. Aber es hat funktioniert: „Alle haben sich auf dieses Konzept eingelassen und Einsatz gezeigt.“

Dieser Einsatz hat sich gelohnt, war so doch gewährleistet, dass Besucher wie Gemeindemitglieder immer am Baugeschehen beteiligt sein konnten. Das hatte auch zur Folge, dass weiterhin für die Instandsetzung der Herderkirche gespendet wurde. Der aktuelle letzte Bauabschnitt kostet die Weimarer Gemeinde 354.700 Euro. Die Stiftung KiBa hat diese abschließenden Maßnahmen mit 23.800 Euro gefördert, zum Teil aus Erträgen der „Folkard-Bremer-Stiftung für den Kirchenkreis Weimar in der Stiftung KiBa“. „Und auch durch die Einnahmen, die uns die offene Kirche beschert hat, können wir den notwendigen Eigenanteil aufbringen“, sagt der Pfarrer stolz. Die Verschönerung von St. Peter und Paul mit zu begleiten, hat Sebastian Kircheis Freude gemacht, doch jetzt ist er froh, dass das Ende in Sichtweite ist. Am 2. Advent wird die Stadtkirche feierlich wieder eingeweiht. Auf der Kanzel wird dann eine bekannte Persönlichkeit unserer Zeit stehen: Die Predigt wird Landesbischöfin Ilse Junkermann halten.