Westkirche Kirchmöser (Brandenburg)
Westkirche Kirchmöser (Brandenburg)

„Historische Bausubstanz erhalten“

2. Bauabschnitt der Westkirche Kirchmöser abgeschlossen

Kirchmöser ist kein gewöhnlicher Ortsteil. Gelegen auf einer malerischen Halbinsel im Westen von Brandenburg an der Havel, umschlossen von einem Kranz aus Seen wie dem Möserschen See und dem Wendsee, atmet dieser Ort Industriegeschichte auf Schritt und Tritt. Hier steht eine ganz besondere Kirche.

Wo einst das 1358 erstmals urkundlich erwähnte beschauliche Bauerndorf namens Möser lag, entstand während des Ersten Weltkriegs in rasantem Tempo eine gewaltige Pulverfabrik. Mit der Industrie kamen die Menschen – und mit ihnen der Wohnraum. Villen und Mehrfamilienhäuser für Offiziere und Beamte wurden gebaut, einfache Häuser für die Arbeiter.

Gemäß des Versailler Vertrags mussten die militärischen Anlagen nach Kriegsende demontiert werden. 1920 übernahm die Deutsche Reichsbahn das Gelände und errichtet hier eines der modernsten Eisenbahnwerke Europas. Zahlreiche Arbeiter siedelten sich an und die Bahn baute zwei moderne Werkssiedlungen nach Plänen des Regierungsbaurates Teschemacher im Sinne der Gartenstadtbewegung. Dazu gehörte auch die soziale Infrastruktur – und so entstanden in Kirchmöser-West auch eine Kirche mit Pfarrhaus sowie eine Schule. 

Moderne trifft Expressionismus

Die Westkirche, liebevoll „Eisenbahnkirche“ genannt, konzipierte Reichsbahnoberrat Hugo Röttcher 1928/1929. Das Gotteshaus ist ein Paradebeispiel für die Architektur der Moderne und den Expressionismus der 1920er Jahre.

Das Kirche besticht durch ihre klare Struktur: Ein verputzter Saalbau mit markantem quadratischen Turm und dem südlich anschließenden Quertrakt. Der Quertrakt beherbergt nicht nur einen Gemeindesaal und einen Konfirmandenraum, sondern sogar die Wohnung des Kirchendieners – ein für die damalige Zeit höchst innovatives Sozialkonzept, das Kirche und Gemeinschaft unter einem Dach vereinte. Lange Zeit war die Westkirche auch tatsächlich Eigentum der Deutschen Bahn, bis sie 2003 in den Besitz der Kirchengemeinde überging.

Die Schäden am Dach aus der Vogelperspektive

Die Schäden am Dach aus der Vogelperspektive

Der Quertrakt vor der Sanierung

Der Quertrakt vor der Sanierung

Zerstörte Gauben im Dach

Zerstörte Gauben im Dach

Am Dach gibt es viel zu tun

Am Dach gibt es viel zu tun

Am Dach gibt es viel zu tun

Am Dach gibt es viel zu tun

Eingerüstete Kirche - die Arbeiten gehen gut voran

Eingerüstete Kirche - die Arbeiten gehen gut voran

Die neuen alten Kupferbleche an den Gauben

Die neuen alten Kupferbleche an den Gauben

Der Dachstuhl hält wieder

Der Dachstuhl hält wieder

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Große „Operation“ am Dachgebälk

Nachdem der Zahn der Zeit lange an der Substanz genagt hatte, wurde es höchste Zeit für eine umfassende Kur. Von Juli 2024 bis Mai 2025 stand der zweite große Bauabschnitt im Fokus: die Sanierung des Quertrakts. Dabei ging es dem Dach ganz buchstäblich ans Gebälk. Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Dachtragwerk, einem sogenannten Hängewerk mit liegendem Stuhl. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, bei der die Last nicht nur auf die Wände drückt, sondern Teile des Gebälks „aufgehängt“ sind. Damit lassen sich auch große Räume ohne stützende Pfeiler überbrücken. Ein liegender Stuhl bezeichnet die schräge Anordnung der Stützpfosten im Dachstuhl. Das sorgt für zusätzliche Stabilität.

Da die ursprüngliche Bemessung aus den 20er Jahren sehr sparsam ausgeführt worden war, musste die Mittelpfette – das ist der waagerechte Holzbalken, der in der Mitte der Dachschräge die Sparren stützt – verstärkt werden. Beschädigte Holzelemente wurden zimmermannsmäßig ausgetauscht und die Geschossdecken gedämmt. Auch der Brandschutz wurde auf den neuesten Stand gebracht.

Ziegel, Kupfer und Farbe

Optisch hat sich einiges getan. Das Dach strahlt in völlig neuem Glanz – dank braun engobierter Tonbiberschwanzziegel. Eine Engobe ist ein dünnflüssiger Tonüberzug, der den Ziegeln eine matte, edle Farbe verleiht und sie widerstandsfähiger macht. Gedeckt wurde das Dach mit klassischen Biberschwanzziegeln, mit ihren Abrundungen am unteren Teil erinnern sie an den Schwanz eines Bibers.

Die historischen Fenster wurden nach restauratorischen Untersuchungen farblich neu gefasst, und die alten Kupferbleche der Gauben konnten nach fachgerechter Aufarbeitung sogar wiederverwendet werden. Bei all dem ging es stets darum, die historische Bausubstanz weitgehend zu erhalten. In enger Abstimmung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Brandenburgischen Landesdenkmalamt für Denkmalpflege konnte die Kirchengemeinde diesen hohen Anspruch durchsetzen.

Mehr als nur Steine: Ein Zentrum für alle

Der Aufwand für die Instandsetzung ist beträchtlich, über 300.000 Euro hat die Maßnahme am Ende gekostet, 15.000 Euro hat die Stiftung KiBa beigesteuert. Ein breites Bündnis aus weiteren Fördermittelgebern wie der Stadt Brandenburg, dem Land Brandenburg und vielen privaten Spendern hat die Kosten am Ende gestemmt. Doch die Arbeit ist noch nicht ganz getan: Als nächster Schritt ist die Sanierung der Außenwände des Quertrakts geplant.

Und das lohnt sich: Für die evangelische Kirchengemeinde Kirchmöser ist die Westkirche das Herzstück der Siedlung. Sie wird nicht nur Gottesdienstort sein, sondern auch ein religiöses, kulturelles und touristisches Zentrum. Sie soll sich weit öffnen – für junge und alte Einwohner, für Kulturbegeisterte und für Touristen, die das nahegelegene Naturschutzgebiet oder den Havelradweg erkunden.

Kirchmöser beweist einmal mehr, dass Industriegeschichte und moderne Lebensqualität wunderbar zusammenpassen – die Westkirche bleibt dabei der feste Ankerpunkt in der Brandenburger Seenlandschaft.