Tragwerk unter Druck
Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf
Dachwerke von Dorfkirchen sind sensible Konstruktionen. Sie tragen schwere Lasten und schützen die Kirche vor allem Unbill. Wenn sie nicht mehr halten, ist die Not groß. In Gramsdorf kann die Gemeinde inzwischen aufatmen, denn das Dach über dem Schiff ist wieder instandgesetzt – nicht zuletzt mit Hilfe der Stiftung KiBa.
Vom Schadensereignis zur strukturellen Aufgabe
Ausgangspunkt war dabei nicht das Schiffsdach selbst, sondern der Turm. Im Jahr 2018 brach die Turmspitze bei einem heftigen Sturm vollständig ab. Schlimm genug, aber dadurch wurde man auf ganz andere Beschädigungen aufmerksam, die bis dahin unbemerkt geblieben waren. Tragende Bauteile waren von Schädlingen befallen, die gesamte Dachkonstruktion war in Mitleidenschaft gezogen.
Während der Turm vollständig instand gesetzt werden konnte, mussten die Arbeiten am Schiffsdach zunächst zurückgestellt werden. Gleichwohl war klar: das war kein punktuelles Reparaturproblem, sondern ein konstruktiver Sanierungsbedarf.
„Erhaltung vor Erneuerung“
Ein Holz- und Pilzgutachten bildete die Grundlage für die weitere Planung. Nach einer partiellen Dachöffnung bestätigten sich die Befunde: unterdimensionierte Sparren, geschädigte Sparrenköpfe im Traufbereich sowie konstruktive Schwächen. Insbesondere auf der Südseite des Kirchenschiffs und im Übergang zum Turm gab es die größten Schäden. Eine vollständige Öffnung der betroffenen Dachflächen wurde notwendig, um den tatsächlichen Bauzustand erfassen und – im wahrsten Sinne des Wortes – belastbare statische Lösungen entwickeln zu können. Was konnte repariert werden und welche Bauteile mussten ersetzt werden?
Letztendlich verständigte man sich auf den Grundsatz „Erhaltung vor Erneuerung“. Dünne Sparren wurden mittels beidseitiger Holzschalungen statisch ertüchtigt, um ihre Tragfähigkeit wiederherzustellen. Besonders stark geschädigte Bauteile im Bereich der Auflager wurden ersetzt. Der Sparrenfußpunkt im Anschlussbereich zum Turm wurde vollständig neu gefasst.

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf

Dachsanierung in St. Petri Gramsdorf
Neue Dachhaut mit denkmalpflegerischem Anspruch
Nach Abschluss der Zimmermannsarbeiten erhielt das Dach eine Neueindeckung mit schiefergrauen Planziegeln. Die Farbwahl orientierte sich dabei an der historischen Wirkung früherer Schieferdeckungen. Sie sollte sich in das Erscheinungsbild der Kirche einfügen. Seitliche Ausgleichshölzer sorgen für eine gleichmäßige Dachfläche, ohne die historische Dachgeometrie zu nivellieren.
Dachrinnen und Fallrohre wurden in Kupfer ausgeführt und die Wandanschlüsse traditionell mit Blei hergestellt. Das sind bewährte Materialien, die nicht nur funktional, sondern auch denkmalgerecht sind.
Im Zuge der Gerüststellung traten weitere Schäden an Giebelabdeckungen und Mauerwerksflächen am Schiff zu Tage. Abplatzende Steinlagen, offene Fugen und verwitterte Profilierungen machten ergänzende Maßnahmen erforderlich, um das Bauwerk als Ganzes langfristig zu sichern.
Kirchliche Verantwortung und Förderperspektive
Die Evangelische Landeskirche Anhalts hat das Vorhaben ausdrücklich unterstützt. In ihrer Stellungnahme hats sie die regelmäßige Nutzung und kontinuierliche Instandhaltung der Kirche durch die Kirchengemeinde herausgestellt. St. Petri ist eben mehr als „nur“ eine Dorfkirche, sondern vielmehr ein erhaltenswertes kirchliches Zentrum im ländlichen Raum. Die Gesamtkosten der Maßnahme beliefen sich auf rund 175.000 Euro. Substanzsichernde Eingriffe an historischen Dachwerken sind nun einmal kostenintensiv, aber eben auch unverzichtbar, um irreversible Schäden zu vermeiden.
Finanziert wurde das Ganze aus Fördergeldern der Stiftung KiBa, der Landeskirche sowie Mittel aus Lotto/Toto Sachsen-Anhalt. 35.000 Euro stammen aus Eigenmitteln der Kirchengemeinde.
Baugeschichte im ländlichen Raum
Die Kirche St. Petri prägt das Ortsbild von Gramsdorf (heute ein Ortsteil von Pobzig). 1890 wurde das einschiffige neogotische Gotteshaus aus Bruchstein und roten Sandsteinelementen an der Stelle des Vorgängerbaus aus dem 13. Jhd. errichtet. Es steht in der Tradition ländlicher Kirchenbauten des späten 19. Jhds., deren Erscheinungsbild bewusst schlicht gehalten ist, deren Konstruktion jedoch hohe handwerkliche Qualität aufweist. Ein Holztonnengewölbe überspannt den Innenraum. Die Orgelempore ruht auf einer Holzsäulenkonstruktion. Bemerkenswert ist das Altarfenster mit der Darstellung der Befreiung von Petrus aus dem Kerker.
Gramsdorf liegt in einer historisch landwirtschaftlich geprägten Region des heutigen Salzlandkreises. Der Ort ist seit dem Mittelalter nachweisbar und war über Jahrhunderte in kirchliche und grundherrschaftliche Strukturen eingebunden. Und seit 2022 ist St. Petri sogar ein kommunikativer Knotenpunkt: eine Funkstation im Kirchturm versorgt die Region mit schnellem Internet.