Verborgen unter Staub und Sinter
Empore in Bielen im Südharz erfolgreich restauriert
Die beeindruckende doppelstöckige Hufeisenempore in St. Martin und Johannes in Bielen (Thüringen) ist ein echter Hingucker. Doch was heute in frischen Farben und feiner Marmorierung glänzt, war noch vor kurzem hinter einer grauen, krustigen Schicht verborgen. Zwischen September und Dezember 2024 wurde das Gotteshaus zur Werkstatt und damit zum Arbeitsplatz für die Diplom-Restauratorin Antje Pohl.
Detektivarbeit unter der Oberfläche
Die Restaurierung begann mit einer schon fast kriminalistischen Untersuchung der Farbschichten. Dabei stellte sich heraus, dass die Emporen im Laufe der Jahrhunderte gleich vier verschiedene Gewänder getragen hatten. Die älteste Fassung verbarg sich auf Brettern, die offensichtlich zweitverwendet wurden – vermutlich waren es alte Wandpaneele mit bronzierten Rahmen, die man für die Südempore passend zurechtgeschnitten hatte.
In der zweiten Farbschicht nach 1725 ließ sich „Berliner Blau“ (oder „Preußisch Blau“) nachweisen. Der tiefblaue lichtechte Farbstoff wurde 1704 entdeckt und gilt als erstes modernes Pigment. Hergestellt wird er aus Eisen- und Cyanidverbindungen. Er zeichnet sich durch hohe Färbekraft aus und wird in der Kunst, der Fotografie und bei Textilien verwendet, dient aber auch medizinisch als Entgiftungsmittel bei (z.B. bei Cäsium-Vergiftungen) oder als Nachweisreagenz in der Chemie.
Für die aktuelle Restaurierung entschied man sich, die prächtige Fassung aus den 1930er-Jahren wiederherzustellen. Die zeichnet sich durch eine luftige, blaugraue Marmorierung aus, dargestellt waren christliche Motive und schablonenhafte Blumenornamente.
Papierkompressen und „Sinter-Schmutz“
Die größte Herausforderung bestand zunächst in der Reinigung der Brüstungselemente. Über Jahrzehnte hatte sich eine sogenannte versinterte Schmutzschicht gebildet. Dabei verbinden sich Staub und Schmutz durch hohe Luftfeuchtigkeit mit den Kalk- oder Gipsbestandteilen der Farbe zu einer steinharten Kruste.
Um diese Schicht zu lösen, ohne die empfindliche Leimfarbe darunter zu zerstören, griff man zu einem einfachen Mittel: Papierkompressen mit destilliertem Wasser. Feuchter Küchenkrepp wurde für 30 Minuten auf die Felder gelegt, der Schmutz wanderte dabei buchstäblich in das Papier. Aggressivere chemische Reiniger wie EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) wurden bewusst nicht verwendet, um die historischen Oberflächen nicht zu stark aufzuhellen.
Substanzsicherung und Feinarbeit
Neben der Optik musste aber auch die Substanz der Empore gesichert werden. Alte, korrodierte Nägel wurden mit Rostschutzfarbe und Schellack isoliert, damit sie nicht wieder durch die neuen Farbschichten „durchschlagen“. Risse im Holz wurden gekittet und geschädigte Bereiche mit einer Kunstharzlösung gefestigt. Ein zusätzliches Augenmerk lag auf den Buchbrettern – also den Ablagen für die Gesangbücher. Die waren an der Nord- und Westseite stark beschädigt und wurden durch neue Bretter aus massivem Eichenholz ersetzt und farblich in Ocker angepasst.
Nach der Reinigung folgte die künstlerische Vollendung: Fehlstellen in der Malerei wurden mit Gouachefarbe retuschiert. Diese wasserlösliche Farbe macht es möglich, die Marmorierungen und Blattfriese so fein nachzuzeichnen, dass Alt und Neu harmonisch ineinanderfließen. Möglich wurde die Restaurierung durch eine private Spende im Rahmen einer „Kirchenpatenschaft“, die die Stiftung KiBa vermittelt hatte.
Bemerkenswerte Kirche im Südharz
St. Martin und Johannes ist eine klassische Saalkirche. Während der frühgotische Chor bereits aus dem 13. Jahrhundert stammt, musste das Kirchenschiff 1662 neu aufgebaut werden, nachdem Teile des Turms in das Dach gestürzt waren. Die unteren Emporen sind noch älter – ihre Verzierungen, wie die sogenannten Schiffskehlen (eine konkave Auskehlung an den Balken), deuten auf das 16. Jahrhundert und damit auf eine Vorgängerkirche hin. Ein weiteres Highlight im Inneren ist der spätgotische Marienaltar von 1495.
Bielen ist auch für Archäologen interessant: die Gegend gilt als das größte zusammenhängende Grabungsareal Thüringens. Funde reichen bis in die Jungsteinzeit um 5.000 v. Chr. zurück, darunter eine spektakuläre Kreisgrabenanlage für astronomische Zwecke. Urkundlich wurde der Ort 1158 erstmals als „Biela“ erwähnt, als Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) hier Güter tauschte.