Innenraum der Dorfkirche Morgenitz  (Mecklenburg-Vorpommern)
Innenraum der Dorfkirche Morgenitz (Mecklenburg-Vorpommern)

Der Schock unter den Dielen

Wenn Schwamm und Wurm gemeinsame Sache machen

Wer durch das Usedomer Hinterland streift, wähnt sich in einer anderen Zeit: Reetgedeckte Bauernkaten und Kopfsteinpflaster prägen das kleine Dorf Morgenitz, das zu Mellenthin gehört. Mitten im Ort steht die spätgotische Backsteinkirche. Nach außen hin strahlt sie Ruhe und Beständigkeit aus strahlt, doch unter den Füßen der Gemeinde spielte sich jahrelang ein stilles Drama ab. Bis jetzt.

Eigentlich schien die Dorfkirche Morgenitz längst auf der sicheren Seite zu sein: In den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Außenhülle des Gotteshauses aufwendig gesichert worden. Das markante Satteldach erhielt eine neue Eindeckung, das Backsteinmauerwerk wurde instand gesetzt, neue Fenster eingesetzt und Regenrinnen montiert, um das schädliche Regenwasser von den Grundmauern fernzuhalten. 2016 folgte die umfassende Renovierung des Innenraums.

Doch die Erleichterung währte nicht lange. Im Jahr 2020 zeigte sich an der Westwand und im Dielenboden unter der Emporentreppe ein gefürchtetes Schadbild: Ein massiver Befall durch den Echten Hausschwamm (Serpula lacrymans). Unter Denkmalschützern gilt er als gefährlichster Holzzerstörer überhaupt. Der Pilz benötigt zum Wachsen Feuchtigkeit, kann diese aber über feine Pilzfäden (das Myzel) über erhebliche Strecken selbst durch trockenes Mauerwerk transportieren. Befallenes Holz verliert dann rasch jegliche Tragfähigkeit.

Eine holzschutztechnische Untersuchung offenbarte das ganze Ausmaß des Schadens: Über Jahrzehnte hinweg war Feuchtigkeit aus dem Sockel- und Fundamentbereich in die Konstruktion gezogen. Die hölzernen Schwellen und Lagerhölzer – also die tragende Unterkonstruktion, auf der die Bodendielen und eben auch die Kirchenbänke ruhen – waren durch sogenannte Nassfäulepilze großflächig zersetzt worden.

Fachleute sprechen hier von Braunfäule: Die Pilze bauen die Zellulose im Holz ab, sodass es sich braun verfärbt, würfelartig bricht und schließlich buchstäblich zu Staub zerfällt. An den Außenwänden gaben die Dielen bereits bedenklich nach. Zu allem Überfluss hatte sich auch noch der Gemeine Nagekäfer (Anobium punctatum) – im Volksmund schlicht als Holzwurm bekannt – in den historischen Bänken eingenistet.

Von drückenden Leisten und harten Kanten

Als wäre der Pilzbefall nicht genug, machten die Kirchenbänke den Gottesdienstbesuchern das Leben schon seit Generationen schwer. Wer in Morgenitz Platz nahm, spürte die Andacht nicht selten in den Knochen:

  • Die Sitzflächen waren zu kurz bemessen.
  • Die Rückenlehnen standen schnurgerade im 90-Grad-Winkel.
  • Am oberen Abschluss der Lehne verlief eine profilierte Holzleiste, die spürbar in den Rücken drückte.
  • Große Menschen wussten wegen der engen Bankabstände kaum, wohin mit ihren Beinen.

Eine grundlegende Sanierung war unausweichlich – und bot immerhin die Chance, Schutz vor Feuchtigkeit mit zeitgemäßer Nutzung zu verbinden.

Innenraum der Dorfkirche Morgenitz vor der Sanierung

Innenraum der Dorfkirche Morgenitz vor der Sanierung

Ausbau der Dielung und der Unterkonstruktion

Ausbau der Dielung und der Unterkonstruktion

Die Braunfäule hat zugeschlagen

Die Braunfäule hat zugeschlagen

Holzfußboden ist ausgebaut, Mittelgang (Ziegelfußboden) ist abgedeckt

Holzfußboden ist ausgebaut, Mittelgang (Ziegelfußboden) ist abgedeckt

Einbau des neuen Ziegelfußboden

Einbau des neuen Ziegelfußboden

Auf diesen Bänken konnte wirklich niemand gut sitzen

Auf diesen Bänken konnte wirklich niemand gut sitzen

Die neuen Bänke sind um Welten bequemer- und flexibler

Die neuen Bänke sind um Welten bequemer- und flexibler

Ansicht der Dorfkirche von Osten

Ansicht der Dorfkirche von Osten

Westgiebel der Dorfkirche Morgenitz

Westgiebel der Dorfkirche Morgenitz

auf der Landkarte anzeigen

Kluge Ideen gegen Feuchtigkeit

Von Januar bis Mai 2024 herrschte reges handwerkliches Treiben im Kirchenschiff. Zunächst bauten die Handwerker das Kirchengestühl ab und lagerten es vor Ort. Um den aktiven Befall durch den Holzwurm ohne den Einsatz giftiger Chemikalien dauerhaft zu stoppen, kam ein sogenannte Heißluftverfahren zum Einsatz. Dabei wird das Holz kontrolliert erwärmt, bis im Inneren Temperaturen erreicht werden, bei denen das Eiweiß von Schädlingen in allen Entwicklungsstadien gerinnt.

Anstatt nach dem Ausbau der maroden Dielung erneut Holz auf den feuchtegefährdeten Boden zu verlegen, entschieden sich Bauherren und Denkmalschützer für eine wesentlich dauerhaftere Lösung: Unter den Bänken wurde ein neuer Ziegelfußboden verlegt. Denn Ziegel nehmen diffuse Bodenfeuchtigkeit auf und geben sie reguliert wieder ab, ohne Schaden zu nehmen – dem Hausschwamm und der Nassfäule wurde damit praktisch der Nährboden entzogen.

Der neue Ziegelbelag schließt nahtlos an den bestehenden Mittelgang an. Ein erfreulicher Nebeneffekt für alle Besucher: Der gesamte Kirchenraum ist nun vollkommen stufenlos und barrierefrei zugänglich.

Auch die Bänke erfuhren eine behutsame Verjüngungskur. Die Sitzflächen wurden verbreitert, die Rückenlehnen ergonomisch angepasst und die störenden Leisten entschärft. Der Clou: Unter die Wangen (die seitlichen Träger der Bänke) montierte man eigenständige Standfüße. Mussten die Bänke früher fest im Boden verschraubt sein, stehen sie jetzt stabil aus eigener Kraft – regulär wie gewohnt in Reih und Glied entlang des Mittelgangs. Doch für Konzerte, Gemeindefeste oder die lebendige Kinder- und Jugendarbeit können sie flexibel im Raum verschoben oder im Kreis aufgestellt werden.

Eine Dorfkirche voller Überraschungen

Die Morgenitzer Kirche wurde um 1500 als einfacher, rechteckiger Backsteinbau errichtet. Anstelle eines Kirchturms besitzt sie einen spitzen Westgiebel mit markanten, hoch aufstrebenden Blendbögen – flachen, dekorativen Mauernischen, die der Fassade Struktur verleihen. Die Glocken hängen in einem separaten, hölzernen Glockenstuhl auf dem Kirchhof, der 1820 errichtet wurde.

Die Kirche hat einige Katastrophen erlebt: 1702 beschädigte ein schwerer Sturm die Fenster. 1747 deckte ein Wirbelsturm das Dach ab und 1764 stürzte das neu errichtete Dach krachend ein. Es zerschlug die Decke, riss den halben Ostgiebel mit in die Tiefe und zerstörte Altar, Kanzel, Gestühl und alte Votivschiffe.

Der Wiederaufbau gelang 1771. Aus dieser Zeit stammt der prächtige barocke Altaraufsatz mit gedrehten Säulen und Gemälden von Abendmahl, Auferstehung und Himmelfahrt. Zwei Schnitzfiguren aus dem Mittelalter sind erhalten. 1777 malte der Usedomer Maler Christoph Peter Hirt die Evangelisten an die Kanzel und verzierte das Gestühl mit feiner Blumenmalerei.

1894 baute der Orgelbauer Grüneberg eine Orgel auf der Westempore ein. Um dafür ausreichend Raum zu schaffen, wich die ursprüngliche flache Balkendecke einem weiten Holztonnengewölbe.

Unter dem Altar verbirgt sich eine kreuzgewölbte Gruft mit dem kunstvollen kupfernen Prunksarg des schwedischen Obristen Paul Weediger von Borcke († 1699). Vor der Kirche ruht ein Taufstein aus dem 13. Jahrhundert auf einem Findling aus einem Hünengrab. Daneben zeugen bronzezeitliche Mahlsteine, kunstvoll geschmiedete Grabkreuze und sogar alte Maulbeerbäume von der Vergangenheit – letztere ein Relikt eines gescheiterten Versuchs Friedrichs des Großen, auf Usedom Seidenraupen zu züchten.

Kleinod im Binnenland: Das Dorf Morgenitz

Nur rund 150 Menschen leben in Morgenitz. Knapp einen Kilometer vom Krienker See entfernt und nahe dem Lieper Winkel gelegen, hat sich das Dorf seinen ursprünglichen, ländlich-ruhigen Charme bewahrt. Nach der Wende wurden viele der historischen Bauernhäuser mit traditionellen Reetdächern saniert und das alte Kopfsteinpflaster erhalten.

Weit über die Inselgrenzen hinaus bekannt ist Morgenitz heute für seine traditionsreiche Töpferei: alljährlich am letzten Juli-Wochenende verwandelt der Morgenitzer Töpfermarkt den beschaulichen Ort in einen bunten Treffpunkt für Kunsthandwerker und Keramikliebhaber aus ganz Deutschland.

Auf festem Grund in die Zukunft

Die erfolgreiche Sanierung des Fußbodens und des Gestühls zeigt beispielhaft, wie denkmalgerechte Substanzsicherung und lebendiges Gemeindeleben Hand in Hand gehen können. Wo einst Schwamm und mürbes Holz die Standfestigkeit bedrohten, sorgt nun ein robuster Ziegelboden für verlässlichen Grund.

Dank des flexiblen, bequemen Gestühls ist die Dorfkirche Morgenitz sowohl für Gottesdienste als auch für Konzerte und Begegnungen bestens gerüstet – getragen von handwerklicher Sorgfalt und der Liebe zur pommerschen Kirchenbaukunst.