Ein Kanzelspaziergang
Betreten wir eine Kirche, so kommt uns – neben Altar, Taufstein und Orgel – meist auch die Kanzel in den Blick. Sie kann eine Steinkanzel oder eine Holzkanzel sein – manchmal auch aus Stuck, ganz selten eine Kanzel aus Metall. Der Kanzelkorb wölbt sich häufig über unseren Köpfen mehr oder weniger mächtig an einem seitlichen Pfeiler heraus ins Kirchenschiff. In evangelischen Kirchen (vor allem aus der Barockzeit) kann die Kanzel auch mittig über dem Altar stehen oder in eine Altarwand eingebaut sein – dann ist es ein Kanzelaltar.
Die Gemeinde sitzt im Kirchenschiff – wenn es sich nicht um einen Kanzelaltar handelt - entweder auf der Kanzelseite – die sich links oder rechts befinden kann – oder auf der anderen, der Lesepult- oder Taufsteinseite. Wie gelangt der Prediger – der manchmal auch Kanzelredner genannt wird - überhaupt auf die Kanzel? Er nutzt eine meist verborgene Kanzeltreppe, die hinter dem Altar oder seitlich hinaufführt (gelegentlich durch die Sakristei). Sie ist seitlich oft mit reichem Bildschmuck versehen. Der Prediger öffnet dazu die Kanzeltür am Fuß der Treppe und betritt oben die Kanzel durch den Kanzelvorhang oder eine weitere Tür.
Die Predigthörer sehen die Kanzel in ihrer Gänze: den Kanzelfuß, auf dem sie steht (nicht selten aus der Figur des Mose gebildet) und die Kanzelkrone, die den Schall bzw. die Stimme des Predigers in die Richtung der Hörer lenkt. Vom kleinen Lesepult auf der Brüstung des Kanzelkorbs hängt das Kanzelparament (auch Kanzeldecke genannt) herab. Dort ist auch eine kleine, unauffällige Leselampe, die Kanzelbeleuchtung, installiert.
Die Kanzel ist – entsprechend der hohen Bedeutung der Predigt – häufig reich mit künstlerischem Schmuck verziert – der Kanzelzier. Sie ist hier und da auch mit einem zur Predigt passenden Motto versehen, der Kanzelinschrift, etwa „Soli Deo Gloria“ („Gott allein die Ehre“).
In wenigen Kirchen ist noch aus der Barockzeit eine Kanzeluhr erhalten: eine Sanduhr mit vier Glasröhren, die die Länge der Predigt auf eine Stunde (vier Viertelstundenröhren) bestimmt. Länger durfte und kürzer sollte die Predigt damals nicht dauern.
Der Prediger beginnt die Predigt mit dem Kanzelgruß: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ Er beschließt die Predigt mit dem Kanzelsegen: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu, unserm Herrn.“ Früher schloss sich an die Predigt ein Kanzelgebet an, das heute meist entfällt.
Der Prediger hatte auch die Pflicht, Missstände, Sünden und auch namentlich die Sünder in der Gemeinde von der Kanzel anzuklagen und abzukanzeln. Frauen, die den Prediger besonders verehren und ihn umschwärmen, nennt man im Volksmund Kanzelschwalben.
Der Prediger besitzt bis heute das Kanzelrecht. Er hat das alleinige Recht der öffentlichen Wortverkündigung in seiner Kirche und darf es ausnahmsweise einem Gastprediger gewähren (oder versagen). Ein Superintendent besitzt dieses Kanzelrecht in allen Kirchen seiner Ephorie, ein Bischof in allen Kirchen seiner Landeskirche.
Heute gibt es gelegentlich Kanzelreden, die Schriftsteller, Politiker, Künstler oder andere Prominente halten. Eigentlich gehören sie nicht auf die Kanzel, sondern höchstens an das Lesepult, weil sie keine Verkündigung des Gotteswortes sind.
Eine Kanzelabkündigung ist eine öffentliche Stellungnahme des Bischofs zu einem aktuell drängenden Thema, die in allen Kirchen von der Kanzel zu verlesen ist. Das gab es z. B. in der nationalsozialistischen Zeit oder 1968 in der sächsischen Landeskirche, als die Universitätskirche in Leipzig gesprengt wurde, und dann im Zuge der friedlichen Revolution 1989.
Mancher Prediger hat auch einen speziellen Kanzelton – vielleicht säuselnd oder salbadernd – der sich von seiner normalen Sprechweise abhebt.
Hin und wieder kommt es auch zu einem Kanzelstreit, wenn etwa zwei Pfarrer einer Gemeinde zu einem Thema gegensätzliche Positionen vertreten und sich möglicherweise sogar persönlich von der Kanzel attackieren. Berühmt ist der Jüterboger Kanzelstreit aus dem Jahr 1522, den sich altgläubige Franziskanermönche mit Anhängern der Reformation lieferten. Auch im Jahr 1999 gab es in Weimar einen Kanzelstreit über die Frage, ob der Politiker der Linken, Gregor Gisy, auf einer Kanzel an einer Reihe von Kanzelreden teilnehmen dürfe.
Im gegenteiligen streitfreien Fall wird ein Kanzeltausch vereinbart, wenn etwa ein katholischer Priester in einer evangelischen Kirche predigt – oder umgekehrt, oder auch, wenn sich mehrere Gemeinden zu einem solchen Predigerwechsel verabreden. Und zwischen reformierten, lutherischen und unierten evangelischen Kirchen, die einst konfessionelle Gegner waren, ist seit der Leuenberger Konkordie (1973) offizielle Kanzelgemeinschaft vereinbart. Sie wurde später schrittweise auf weitere Kirchen ausgeweitet. Sie schränkt das örtliche Kanzelrecht des Pfarrers zwar nicht ein, öffnet aber grundsätzlich die (Kanzel)-Tür sogar weltweit unter den Beteiligten und ist mit einer Abendmahlsgemeinschaft verbunden.
Es gibt auch mehrere Teufelskanzeln – allerdings nicht in Kirchen, sondern in der freien Natur: Es sind Felsenformationen wie z. B. im Elbsandsteingebirge oder im Chemnitztal.
Auf vielen Schiffen gibt es eine Steuermannskanzel, in Flugzeugen nennt man das Cockpit auch Pilotenkanzel, von denen jedoch nicht gepredigt wird, sondern die nur die Übersicht über die Fahrt- oder Flugroute bieten. Es gibt allerdings auch echte Schiffskanzeln in Kirchen, die nach biblischen Vorbildern von Predigten von einem Schiff aus wie ein aus der Wand ragender Schiffsbug gestaltet sind.
Ein verwandtes Motiv sind Walfischkanzeln, die nach der biblischen Erzählung des Propheten Jona gebildet wurden und ein riesiges geöffnetes Walfischmaul darstellen.
Jäger bezeichnen ihren Hochsitz am Waldrand auch gern als Jagdkanzel.
Auf einer Lutherkanzel hat tatsächlich (oder angeblich) Luther einmal auf einer seiner Reisen gepredigt. Er ist einer der wenigen Menschen, denen die Ehre einer speziellen Kanzelbenennung zuteil geworden ist. Im Aachener Dom gibt es noch eine prunkvolle Heinrichskanzel – sie wurde von Kaiser Heinrich II. gestiftet. An einigen ehemaligen Predigtstätten des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli spricht man auch von Zwingli-Kanzeln. Und in Südböhmen gibt es einen großen Wackelfelsen, der nach dem böhmischen Reformator Jan Hus Hus-Kanzel heißt. In einigen hussitischen Kirchen in Tschechien sind Kanzeln dem Scheiterhaufen nachgestaltet, auf dem Jan Hus 1415 in Konstanz verbrannt wurde.
Nach ihrer Blütenform trägt eine Kanzel im Freiberger Dom die Bezeichnung Tulpenkanzel. Eine weitere kunstreiche Kanzel in dieser Kirche ist die Bergmannskanzel, die mit Szenen aus dem Bergbau gestaltet ist. Seltener findet man eine Kanzel außen an der Kirche angebracht. Sie ist möglicherweise eine Katechismuskanzel, die einst der Nachmittagspredigt diente. Diese belehrte die Gemeinde, vor allem die Konfirmanden oder Dienstknechte, in einem besonderen Nebengottesdienst im Freien über den evangelischen Katechismus. Sie kann aber auch eine Wallfahrtskanzel gewesen sein, die wegen des großen Andrangs der Pilger außen ihren Platz hatte.
Auf manchen Friedhöfen gibt es auch eine Friedhofskanzel für Trauerfeiern unter freiem Himmel. Und sollte irgendwann in einer Kirche eine neue Kanzel eingebaut werden, wird sie selbstverständlich mit einer Kanzelweihe in Dienst genommen.
Ein Gastbeitrag von Pfarrer i. R. Arndt Haubold aus Meuselwitz - inspiriert von den Beiträgen unserer Reihe „Typisch protestantisch“ im Stiftungsrundbrief „KiBa aktuell“