Dorfkirche Pinnow im Kreis Oberhavel (Brandenburg)
Dorfkirche Pinnow im Kreis Oberhavel (Brandenburg)

Ein Meisterwerk der Schinkelschule

Erfolgreiche Sanierung des Pinnower Kirchturms

Ein weithin sichtbares Beispiel preußischer Baukunst wurde bewahrt: Die denkmalgeschützte Dorfkirche im brandenburgischen Pinnow hat ihren markanten Turmhelm zurück. Nach intensiver Planung und handwerklich anspruchsvoller Sanierung konnte das Vorhaben erfolgreich abgeschlossen werden – gefördert auch mit Mitteln der Stiftung KiBa.

Architektur und Besonderheiten

Die architektonische Besonderheit Pinnows, einem Ortsteil von Hohen Neuendorf im Landkreis Oberhavel, kann man bereits aus der Ferne sehen – der 33 Meter hohe Kirchturm aus feinen gelben Backsteinziegeln gibt eine wunderbare Landmarke ab. Erbaut wurde die Kirche in den Jahren 1861 bis 1862 (manche Überlieferungen sagen ab 1859) unter maßgeblicher Mitwirkung des berühmten preußischen Architekten und Schinkelschülers Friedrich August Stüler. Stüler, der auch als enger Ratgeber von König Friedrich Wilhelm IV. wirkte, schuf hier ein Bauwerk, das mit seiner klaren Formsprache und zurückhaltender Ausschmückung den klassizistischen schinkel’schen Baukörper mit feinen romanischen Stilelementen verbindet.

Der vorgelagerte Westturm ist ungewöhnlich, denn anders als die meisten Kirchtürme der Region trägt er keinen holzgeschindelten oder kupfergedeckten Dachreiter, sondern eine rund zehn Meter hohe, massiv aus Ziegeln gemauerte Turmhaube. Ihr Querschnitt vollzieht einen eleganten geometrischen Übergang vom quadratischen Turmschaft in ein Oktogon. Auf der Spitze thront eine kunstvoll gearbeitete, neugotische Kreuzblume. Im Turmschaft darunter befindet sich der Glockenstuhl.

Entdeckungen während der Sanierung

Die dauerhafte Sicherung des Turms war ein baulicher Kraftakt. Bei einer früheren Teilinstandsetzung der Turmspitze in den 1990er-Jahren hatte man ungeeignete Ziegel verwendet, die nicht ausreichend frostbeständig waren. Hohe Feuchtigkeitsaufnahme, Risse, Abplatzungen und sandige Fugen waren die Folge.

Der schadhafte Ziegelhelm wurde Schicht für Schicht zurückgebaut und anschließend nach historischem Befund mit speziell geprüften, hochgradig frostbeständigen Ziegeln und maßgefertigten Formsteinen neu aufgemauert. Auch die historischen Schallluken aus Holz wurden von Tischlern überarbeitet und wieder eingesetzt.

Zwei besondere Überraschungen hielt der Turm auch noch bereit: Kurz vor dem Aufbau des Gerüsts entdeckte man die Nistplätze von Turmfalken. In Zusammenarbeit mit einem NABU-Ornithologen und der Naturschutzbehörde wurde an der Rückseite des Kirchenschiffs ein Ausweichnistkasten angebracht, sodass die Bauarbeiten naturschutzgerecht freigegeben werden konnten.

Und als die neugotische Kreuzblume mit einem Mobilkran behutsam abgenommen wurde, entdeckten die Handwerker eine historische Zeitkapsel. Sie wurde behutsam restauriert, mit zeitgeschichtlichen Zeugnissen bestückt und am Ende der Arbeiten feierlich wieder in der Turmspitze verwahrt – hoffentlich zur Freude kommender Generationen.

Die Gesamtkosten von rund 492.000 Euro wurden durch einen breit aufgestellten Finanzierungsmix getragen: Neben Eigenmitteln der Gemeinde beteiligten sich der Kirchenkreis Berlin Nord-Ost, die Landeskirche (EKBO), das Bundes-Denkmalschutzprogramm XI, das Land Brandenburg und mehrere Stiftungen an der Finanzierung. Die Stiftung KiBa hatte 20.000 Euro für das Vorhaben bereitgestellt.

Eine bewegte Vergangenheit

Die Geschichte der Dorfkirche Pinnow war nicht immer glanzvoll: Mit der Eröffnung der Berliner Nordbahn im Jahr 1877 verlagerte sich das wirtschaftliche und dörfliche Zentrum zunehmend in den Nachbarort Borgsdorf. Pinnow geriet ins Abseits, die Gemeinde schrumpfte und die Pflege des Gotteshauses wurde vernachlässigt. Schließlich war die Bausubstanz in einem so schlechten Zustand, dass die Kirche 1970 baupolizeilich geschlossen werden musste.

In den darauffolgenden Jahren drohte der endgültige Verlust: Eine bereits behördlich beabsichtigte Sprengung der Kirche konnte nur durch das beherzte Einschreiten couragierter Pinnower Bürgerinnen und Bürger verhindert werden. Dennoch blieb die Dorfkirche über zwei Jahrzehnte hinweg verschlossen und dem Verfall preisgegeben. In den 1980er Jahren fiel fast das gesamte Inventar dem Vandalismus zum Opfer.

Erst nach der Wiedervereinigung besann man sich wieder auf das kulturelle Erbe. 1992 wurde die Dorfkirche Pinnow offiziell als Einzeldenkmal in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen. Die Kirchengemeinde und eine engagierte Bürgerschaft begannen gemeinsam mit ersten Rettungsmaßnahmen. Obwohl die Kirche noch eine Baustelle war, feierte man am 22. Juni 1997 auf der wiederhergestellten Empore den ersten Gottesdienst nach der langen Schließung.

Kulturtreffpunkt und Brandenburgs erste Radfahrerkirche

Heute ist die Dorfkirche Pinnow wieder ein lebendiger Treffpunkt. 2002 gründete sich ein Förderverein, der 2004 die weithin beliebten „Kultursonntage“ mit Konzerten, Lesungen und Ausstellungen zwischen April und September ins Leben gerufen hat – ein Programm, dessen Tradition heute von der Gemeinde und lokalen Kulturinitiativen fortgeführt wird.

Am 1. Mai 2005 wurde das Gotteshaus zur ersten offiziellen Radfahrerkirche im Land Brandenburg geweiht, denn Pinnow liegt am Fernradweg Berlin-Kopenhagen. In den Sommermonaten öffnet sie an den Wochenenden ihre Pforten für Radwanderer zur stillen Einkehr – und hält für Pannen sogar passendes Werkzeug, Flicken und natürlich eine Luftpumpe bereit.