Ein Ort für Lebende und Tote
Instandsetzung und Sanierung von St. Bartholomäus in Gersdorf
Die Schwammsanierung des gotischen Innenraumes in St. Bartholomäus im Dahlenwarsleber Ortsteil Gersdorf (Sachsen-Anhalt) konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Mit Unterstützung der Stiftung KiBa wurde schmucke Bruchsteinkirche in der Niederen Börde nicht nur vor dem Verfall gerettet, sondern auch für eine zukunftsweisende Nutzung vorbereitet.
Sensible Sanierung eines gotischen Schatzes
Nachdem in vorangegangenen Bauabschnitten (2017 und 2020 ebenfalls von der Stiftung KiBa gefördert) bereits die äußere Hülle gesichert wurde, konzentrierte sich der dritte Bauabschnitt auf den gotischen Innenraum. Die Arbeiten waren aufgrund jahrzehntelanger gravierender Feuchtigkeitsschäden und eines massiven Schwammbefalls dringend notwendig geworden.
Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Sanierung der Innenwandflächen. Der durchfeuchtete Putz wurde bis in eine Höhe von etwa 1,80 m entfernt, die Fugen ausgekratzt und mit einem speziellen „steinfühligen“ Kalkmörtel neu verfugt. Dieser Mörtel ist so beschaffen, dass er die Struktur der darunterliegenden Steine optisch und haptisch nachempfinden lässt. Der Fußboden erhielt einen neuen Belag aus rotem Main-Sandstein auf einem fachgerechten Unterbau.
Historische Entdeckungen und architektonische Vielfalt
Während der Restaurierungsarbeiten kamen faszinierende Details zum Vorschein: Neben bereits bekannten Befunden wurden weitere Weihekreuze sowie ein mit Rötelstift (einem eisenhaltigen Erdenfarbstift) gezeichneter Schriftzug freigelegt. Diese Funde belegen eindeutig den gotischen Ursprung des Kirchsaals.
Überhaupt ist St. Bartholomäus ein architektonisch spannendes Bauwerk mit Elementen aus verschiedenen Epochen. Ursprünglich wurde das Gotteshaus als rechteckiger Bau aus grob behauenem Naturstein errichtet. Der massive Westquerturm wurde 1693 angefügt und prägt mit seinem Zeltdach die wuchtige Silhouette der Kirche. In der Altaraußenwand befindet sich eine spätgotische Sakramentsnische, die von einem krabbenbesetzten Kielbogen gerahmt wird – ein Kielbogen erinnert tatsächlich an einen umgedrehten Schiffskiel und Krabben sind knospenartige Steinverzierungen an den Außenkanten.

Vor der Innenraumsanierung - und danach!

Der alte Putz ist ab - Ansicht der Südseite

Der Innenraum ist fertiggestellt

Orgelempore

Decke und Wand an der Nordempore sind saniert
Der Innenraum ist von einer rustikalen Holzbalkendecke überspannt. Die Hufeisenempore und der kleine Kanzelaltar mit rahmenden Pilastern – davor Petrus und Paulus –, Akanthuswangen, und als Bekrönung der auferstehende Christus in der Strahlenglorie, sind barock und stammen ebenfalls aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Unter der Empore und an den Chorseiten steht ein schlichtes barockes Kastengestühl. Zentral angeordnet steht ein frühgotischer achteckiger Taufstein.
Ein innovatives Nutzungskonzept: Das Kolumbarium
St. Bartholomäus geht einen innovativen Weg, um auch langfristig weiter Dorfmittelpunkt zu bleiben. Sie wird als thematische Grabeskirche bzw. Kolumbarium genutzt. Das Konzept unter dem Motto „Lebende und Tote unter einem Dach vereinen“ ist in Sachsen-Anhalt bislang einzigartig. Während unter der Empore und im hinteren Teil Urnen in Form eins Samenkorns beigesetzt werden können, bleibt der vordere Teil der Kirche für das aktive Gemeindeleben erhalten.
Ein geschichtsträchtiges Umfeld
Gersdorf gehört seit 1950 zur Ortschaft Dahlenwarsleben, die im Jahr 2021 ihre 900-jährige Ersterwähnung feierte. Die Besiedlung der Region reicht jedoch Jahrtausende zurück, was bedeutende Funde wie der „Dahlenwarsleber Trepanationsschädel“ (ein Zeugnis frühzeitlicher Schädelöffnungen) beweisen.
Gersdorf liegt am Rande der Hohen Börde unweit von Magdeburg. Wohlstand erlangte der Ort im 19. Jahrhundert durch den Zuckerrübenanbau – noch heute erinnern imposante villenartige Bauernhöfe an diese Zeit. Kulturell ist der Ort weit über die Grenzen der Gemeinde Niedere Börde hinaus für sein Zupforchester bekannt.
Dank der erfolgreichen Instandsetzung und der erweiterten Nutzung als Kolumbarium ist St. Bartholomäus in Gersdorf nun wieder ein sicherer Anlaufpunkt für alle Gersdorfer – als Ort der Gemeinschaft, der Stille und der Begegnung.