Ein Mühlhäuser Wahrzeichen
Kirchturm von St. Nicolai instandgesetzt
Um 1380 wurde der Kirchturm von St. Nicolai im thüringischen Mühlhausen vollendet und in den 1890er Jahren durch neugotische Elemente wie Maßwerkbrüstungen und Eckfialen ergänzt. In jüngster Zeit waren gravierende statische Probleme aufgetaucht – 2017 musste der Turm durch eine weithin sichtbare „Umschnürung“ notgesichert werden.
Gips und Instabilität
Das zweischalige Mauerwerk im oktogonalen Turmschaft war nicht mehr standsicher – Probleme machten die gipshaltigen Bestandteile: Gips ist wasserlöslicher als Kalkstein oder Zement. Wenn über Jahrzehnte Feuchtigkeit eindringt, kann Gips allmählich ausgewaschen werden und der Mörtel verliert seine bindende Wirkung. Gelöster Gips kann an anderen Stellen wieder auskristallisieren. Diese Kristalle können Poren verstopfen oder Druck auf das umliegende Material ausüben und es schädigen.
Besonders bei zweischaligem Mauerwerk ist der Verbund zwischen innerer und äußerer Schale entscheidend. Wenn der Mörtel geschädigt wird oder das Füllmaterial seine Festigkeit verliert, können sich die Schalen gegeneinander verschieben. Das ist für einen Turm statisch äußerst kritisch.
Zwischen 1994 und 20024 hatte man bei Sanierungsversuchen Mörtelinjektionen vorgenommen, was aber den Verfall nicht dauerhaft stoppen konnte. Zudem waren die oberen Abschlüsse der Fialen, die sogenannten Kreuzblumen, im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Die Sanierungsmaßnahmen
2025 konnte endliche ein umfangreiches Maßnahmenpaket geschnürt werden, um die Statik des Turms wieder herzustellen. Große Teile des schadhaften Mauerwerks wurden zurückgebaut. Die gereinigten Originalsteine wurden anschließend mit gipsverträglichem Mörtel neu eingesetzt, wobei die Steine der Außenschale wieder exakt an ihre ursprüngliche Position platziert wurden. Man kann sich das durchaus wie ein übergroßes Puzzle vorstellen.
Zwei innenliegende umlaufende Stahlbetonbalken sorgen jetzt für dauerhafte Stabilität. Zusätzlich bekamen die Lagerfugen eine Bewehrung aus Punktschweißgittern aus Edelstahldraht – eine erprobte und bewährte Methode bei der Mauerwerkssanierung. Eine zusätzliche Schicht Epoxidharz zwischen dem gipshaltigen Altbestand und dem neuen Mauerwerk verhindert, dass Feuchtigkeit eindringt. Die Gesimse wurden mit Zinkabdeckungen geschützt.

Bauzustand nach Abnahme des Turmhelms und Demontage der Maßwerkbrüstung / Eckfialen

Bauzustand während des Rückbaus des Bestandsmauerwerks nach Aufnahme der Rinne mit den Eckwasserspeiern

Geordnet zurückgebaute und auf dem Gelände gelagerte Mauersteine und Werksteinelemente

Zeitglich zum Rückbau: Wiederaufbau stattfindende Restaurierungsarbeiten an den Maßwerkbrüstungen

Detailansicht des innenliegenden Stahlbetonbalkens vor dem Betonieren und Aufmauern der inneren Schale
Wo Steine nicht mehr restauriert werden konnten, wurden neue aus Thüringer Travertin verbaut. Eine besondere Herausforderung bestand in der Rekonstruktion verlorenen Kreuzblumen, die nach historischer Vorlage als Steinbildhauerarbeit neu angefertigt wurden.
Gut 1,2 Millionen Euro hat die Instandsetzung am Ende gekostet, 15.000 Euro hat die Stiftung KiBa zur Verfügung gestellt. Ein breites „Finanzbündnis“ unterschiedlichster Partner und Geldgeber hat die Sanierung ermöglicht – und die Bewahrung eines Mühlhäuser Wahrzeichens für die Zukunft sichergestellt.
Wahrzeichen mit Geschichte
Die Nicolaikirche in der ehemaligen Reichsstadt Mühlhausen dokumentiert den Übergang von der Basilika zur Hallenkirche im mitteldeutschen Pfarrkirchenbau. Sie wurde im 12. Jahrhundert von einer Kaufmannssiedlung gegründet und 1340 als dreischiffige Hallenkirche vollendet. Die ältesten Hölzer des Dachstuhls stammen aus der Zeit um 1350. Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt die Kirche 1897/98 durch den Umbau unter Wilhelm Röttscher. Im Inneren tragen schlichte Achteckpfeiler ein neugotisches Kreuzrippengewölbe; die Ausstattung stammt überwiegend aus dem 19. Jahrhundert.
- St. Nicolai Mühlhausen in der KiBa-Projektdatenbank
- St. Nicolai hat seine Turmhaube zurück
Ein Kraftakt rettet das historische Stadtbild Mühlhausens