St. Marien Ribnitz im Kreis Vorpommern-Rügen
St. Marien Ribnitz im Kreis Vorpommern-Rügen

Norddeutsche Kirchenbaukunst

Rettung für den Turm von St. Marien in Ribnitz

Seit Jahrhunderten prägt die St. Marienkirche das Bild der Bernsteinstadt Ribnitz (Vorpommern-Rügen). Doch der imposante Westturm des Backsteinbaus war in Gefahr: Schwere Risse im Mauerwerk und massive Feuchtigkeitsschäden im hölzernen Turmhelm machten eine umfassende Sanierung unumgänglich. Mit Unterstützung der Stiftung KiBa konnte ein wichtiges Stück norddeutsche Kirchenbaukunst für die Zukunft gesichert werden.

Kirche mit Veränderung

Die Geschichte von St. Marien reicht weit zurück. Der Ort Ribnitz wurde bereits 1233 erstmals urkundlich erwähnt. In dieser Zeit entstand auch die ursprüngliche, spätromanische dreischiffige Hallenkirche. Im Laufe der Zeit wurde das Gotteshaus mehrfach umgebaut. Auf die Erweiterungen im 14. Jahrhundert folgte nach einem verheerenden Brand 1455 der Neubau des Chores und des wuchtigen Westturms.

Der Turmabschluss ist markant: Über dem quadratischen Schaft erhebt sich eine barocke Kuppel, die von einer neugotischen Laterne und einem spitzen Helm bekrönt ist. Der Entwurf dazu stammt aus der Feder des berühmten Schweriner Hofbaumeisters Georg Adolf Demmler, 1841-1843 wurde er gebaut.

Alarmierende Befunde: Risse und Fäulnis

Vor Beginn der jüngst abgeschlossenen Arbeiten zeichneten Experten ein besorgniserregendes Bild des Bauzustands von St. Marien. Das Mauerwerk aus Feld- und Backsteinen war von starken, teils durchgehenden Rissen durchzogen. Statisch betrachtet besteht der Turm wegen seiner großen Fensternischen eher aus vier Eckpfeilern als aus geschlossenen Wänden. Durch die Risse war die Standsicherheit gefährdet – die historischen Maueranker konnten die Kräfte längst nicht mehr ableiten.

Noch dramatischer war die Situation in der hölzernen Turmspitze. In der Laterne – dem turmartigen, mit Fenstern versehenen Aufsatz oberhalb der Kuppel – hatte eingedrungenes Regenwasser zu erheblichen Holzschäden durch Fäulnis geführt. Verschärft wurde das Problem durch defekte Taubenschutzgitter: Angesammelter Vogelkot und Nestmaterial hatten sich mit Feuchtigkeit vollgesogen und beschleunigten damit die Zersetzung der tragenden Eichenbalken.

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Die Sanierung: Präzision in schwindelnder Höhe

Bis in 49m Höhe reicht das Mauerwerk, das Turmkreuz sogar bis auf 60m. Ein Arbeitsplatz, der nicht für jedermann geeignet ist. Neue Zugstangen mit Spannschlössern wurden eingebaut – sie halten die massiven Turmecken wie ein inneres Korsett zusammen. Auch die Deckenebenen wurden durch neue Deckenbalken mit Zugkrallen wieder kraftschlüssig mit dem Mauerwerk verbunden.

Je nach Breite der Risse wurden diese entweder handwerklich (bei schmalen Rissen) oder mittels Spritzmörtel (bei breiteren Rissen) verfüllt. Um das angegriffene Mauerwerk zu stabilisieren, wurden die Risse „vernadelt“. Dabei setzt man Spiralanker – spezielle Edelstahlstäbe – ins Mauerwerk ein, um die Rissufer kraftschlüssig miteinander zu verbinden.

Im Bereich des Turmhelms mussten die Zimmerleute ran. Stark geschädigte Eckstützen und tragende Doppelbalken wurden komplett freigelegt und dann Stück für Stück erneuert. Ein interessantes technisches Detail ist der sogenannte Kaiserstiel: Das ist der zentrale, vertikale Standbalken, der die gesamte Spitze des Turms stützt. In St. Marien war der glücklicherweise weitgehend intakt, wurde aber in der Sanierung neu mit den umliegenden Konstruktionen verriegelt.

Zum Abschluss erhielt die Laterne eine neue, schützende Kupferverblechung, auch die markante Eichenfassadenverschalung wurde instandgesetzt.

Augenmerk auf Artenschutz

Während der Sanierungsarbeiten begleitete ein Artenschutzgutachter die Arbeiten. Tatsächlich hatte der Schutz der an der Kirche lebenden Tiere direkten Einfluss auf die Zeitplanung, es kam zu baulichen Zwischenstopps, die explizit aufgrund von Artenschutzmaßnahmen erforderlich waren.

Besonders wichtig war der Kirchengemeinde, dass die Dohlen-Brutplätze im Turmbereich erhalten blieben. Als unterstützende Maßnahme wurden zusätzliche Fledermauskästen in angebracht.

Im Zuge der Arbeiten an der Laternenebene wurde zunächst eine fachgerechte Vogelkotentsorgung durchgeführt. Um künftige Schäden durch Nestbau und Kotablagerungen zu verhindern, ohne die Tiere zu gefährden, wurden die Taubenschutzmaßnahmen instand gesetzt und durch den Einbau von Vogelschutzgittern aus Edelstahl in den Laternenspitzbogenöffnungen erweitert.

Einzigartiges Geläut

Dank der Turmsanierung kann das vierstimmige Geläut von St. Marien auch in Zukunft sicher schwingen – die alte Statik hätte das nicht mehr lange mitgemacht. Auch die Uhrenglocke am Kaiserstiel wurde technisch berücksichtigt.

Eine besondere Stellung nimmt die 1946 geweihte „Fischlandglocke“ ein: Goldschmied Walter Kramer hat sie aus dem Metall von Munitionshülsen gegossen, die er nach dem Krieg an einer ehemaligen Flak-Stellung gesammelt hatte. Ihre Inschrift lautet „Oh + Land + Land + Land + HÖRE + DES + HERRN + WORT“ und unterstreicht ihre Mahnung zum Frieden.

Die älteste Glocke („Lübecker Glocke“) wiegt 225kg und wurde 1927 gegossen. Sie ist die einzige verbliebene Glocke aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. 2006 kamen zwei weitere Glocken hinzu, die in der renommierten Glockengießerei Perner gegossen wurden.

Schlichte Eleganz im Inneren

Wer die Kirche betritt, findet einen durch die Barockzeit geprägten Raum vor. Die alten gotischen Gewölbe sind schon 1759  bei einem Brand verloren gegangen und wurden damals durch eine schlichte Gestaltung mit hölzernen Fachwerksäulen und einer Tonnen- bzw. Flachdecke ersetzt.

Besondere Ausstattungsstücke sind u.a. der Altar von 1781. Ein hölzerner Aufsatz zeigt die Beweinung Christi, ein Gemälde des Hofmalers Johann Heinrich Suhrlandt. Die Orgel von 1994 stammt aus der renommierten Werkstatt Jehmlich in Dresden. Das Instrument verfügt über 38 Register auf drei Manualen und Pedal und ist ein klangliches Herzstück der Gemeinde.

Für die Turm- und Fassadensanierung hat die Stiftung KiBa 15.000 Euro in St. Marien investiert.