Ein neues Dach für St. Aegidius
Rettungsaktion für den Beichlinger Kirchturm
Hoch oben über den Dächern von Beichlingen, einem beschaulichen Ortsteil der thüringischen „Pfefferminzstadt“ Kölleda, hat sich in der letzten Zeit einiges getan: Es ging um nichts Geringeres als den „Kopf“ von St. Aegidius: Das Kirchturmdach musste dringend saniert werden, um die Kirche langfristig vor Wind und Wetter zu schützen.
Blick unter die Haube
Erst nachdem die Gerüste um den markanten Westturm gestellt waren, wurde nach der Abnahme der alten Schieferdeckung und der Schalung das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar. Während sich die Grundkonstruktion der Haube noch in einigermaßen guten Zustand befand, gab es an den entscheidenden Stellen deutliche Mängel.
Besonders die Schweifsparren – das sind die geschwungenen Holzbalken, die der Turmhaube ihre charakteristische Zwiebelform geben – wiesen im Bereich der Grate starke Schäden auf. Auch an den Aufschieblingen (hölzerne Bauteile, die den Dachüberstand im Traufbereich vergrößern), den Schwellen und den Stichbalken hatte der Zahn der Zeit recht deutlich genagt.
Die Instandsetzung
Das Motto der Sanierung lautete klassisch: So viel Originalsubstanz wie möglich erhalten, so viel wie nötig erneuern. In traditioneller Zimmererarbeit wurden geschädigte Holzteile durch einen sogenannten Gesundschnitt entfernt und durch neues Holz ersetzt. „Anblattung“ heißt das im Fachjargon. Bei dieser altbewährten Methode der Holzverbindung werden zwei Balken durch Überlappung zusammengefügt. Dazu schneidet man an beiden Holzteilen jeweils ein Teil („Blatt“) so weg, dass sie passgenau übereinandergelegt werden können. Die Konstruktion ist dann statisch wieder voll belastbar.
„Anschuhung“ nennen die Zimmerleute das Ansetzen eines neuen Holzstücks (den „Schuh“) an das Ende eines bestehenden Balkens. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn nur der Fußbereich eines Holzes geschädigt ist – etwa durch Fäulnis. Bei der Sanierung in Beichlingen wurden solche Ergänzungen an den Aufschieblingen, Schwellen und Stichbalken vorgenommen.
Besondere Aufmerksamkeit galt dem „Kaiserstiel“ – das ist der zentrale, senkrechte Holzbalken, der die Spitze der Turmkonstruktion bildet. Der wurde im oberen Bereich fachmännisch überarbeitet. Zudem bekam der Turm eine neue „Heimstange“ mit speziellen Haltelaschen, an der die glänzende Turmbekrönung sicher befestigt ist. Die Turmzier von 1931 – Wetterfahne, Turmknopf und Kupfermanschette – wurde liebevoll aufgearbeitet und wieder an ihren angestammten Platz gesetzt. Abgerundet wurden die Arbeiten durch eine neue Eindeckung mit edlem Naturschiefer sowie die Aufarbeitung der Fenster im Turmschaft.
Die Stiftung KiBa hat die komplexe Turmdachsanierung von St. Aegidius mit 10.000 Euro gefördert.
Von Flammen und Wiederaufbau
Das heutige Gotteshaus ist vergleichsweise jung: Es wurde 1931-1932 erbaut, nachdem der Vorgängerbau aus dem Jahr 1710 am Kirchweihfest 1930 durch einen verheerenden Brand bis auf die Grundmauern zerstört worden war – vermutlich ausgelöst durch eine Verpuffung im Ofen.
Heute gilt St. Aegidius als einer der wenigen vollständig erhaltenen Kirchenneubauten aus der Zeit der Weimarer Republik. Die Architektur ist die einer verputzten Saalkirche mit Mansarddach, die einheitliche Ausstattung inklusive der dreiseitigen Empore ist bauzeitlich.
Besonders geschichtsträchtig ist das Erbbegräbnis der Familie von Werthern-Beichlingen auf dem angrenzenden Friedhof. Überhaupt ist die Geschichte von St. Aegidius ist eng mit dem Adelsgeschlecht verknüpft. Wolfgang Graf von Werthern-Beichlingen war es, der vor fast einhundert Jahren die Kirche auf den alten Fundamenten neu errichten ließ.
Beichlingen und die „Pfefferminzstadt“
Beichlingen wurde 1014 erstmals urkundlich erwähnt. Über dem Ort thront das imposante Schloss Beichlingen, der Stammsitz der Grafen von Beichlingen und später der Grafen von Werthern.
Seit 2019 gehört Beichlingen zur Stadt Kölleda, die über die Region hinaus als „Pfefferminzstadt“ bekannt ist – ihren Spitznamen verdankt sie ursprünglich dem großflächigen Anbau von Arzneikräutern im 19. Jahrhundert. Heute dient die Pflanze nur noch als Werbeträger. 1999 sicherte sich Kölleda mit einem gewaltigen Teebeutel den Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde – gefüllt mit 15 Kilogramm Pfefferminze.