Kirche Wickrathberg (Nordrhein-Westfalen)
Kirche Wickrathberg (Nordrhein-Westfalen)

Gerüstet für die nächsten Jahrhunderte

Erfolgreiche Instandsetzung des Kirchturms in Wickrathberg

Auf den ersten Blick wirkt die Kirche im Mönchengladbacher Stadtteil Wickrathberg wie ein typisches ländliches Idyll am Ufer der Niers. Denn das ausgeklügelte Holztragwerk im Inneren des Turms ist von außen nicht zu sehen. Über Generationen hinweg hat es die Last der Glocken und der barocken Haube getragen – jetzt drohte die historische Konstruktion einzubrechen.

Zufallsfund & Spezialkonstruktion

Manchmal entscheidet buchstäblich eine glückliche Fügung über das Schicksal eines Baudenkmals. Bei der Wickrathberger Kirche – dem ältesten erhaltenen Kirchengebäude auf Mönchengladbacher Stadtgebiet und einem der besterhaltenen am gesamten linken Niederrhein – war es tatsächlich ein Zufall, dass die Schäden am Gebälk überhaupt bemerkt wurden. Das Turminnere ist weiter oben nur schwer zugänglich, deswegen war unbemerkt geblieben, wieviel Feuchtigkeit eingedrungen war und die Balken zersetzt hatte.

Die Diagnose war alarmierend: Wichtige Teile der tragenden Holzkonstruktion waren irreparabel geschädigt und mussten dringend ausgetauscht werden. Das erwies sich als gar nicht so einfach: Bereits im späten 17. Jahrhundert klagten die damaligen Baumeister über gravierende statisch-konstruktive Gründungsprobleme des Kirchturms. Die Gründung bezeichnet das Fundament eines Bauwerks, das dessen gesamtes Gewicht sicher in den Baugrund ableiten muss. Gibt der Boden nach oder reicht die Standfestigkeit des Mauerwerks nicht aus, drohen Risse – im schlimmsten Fall sackt der ganze Baukörper ab.

Damals entschied man sich für eine handwerklich geniale Lösung: Um den gemauerten Turmschaft vom enormen Gewicht und den Schwingungen der Glocken zu befreien, baute man nachträglich eine mächtige selbsttragende Innenkonstruktion aus Holz ein. Sie übernahm die Lastabtragung und leitete die Kräfte ab, sodass die Mauern entlastet wurden.

Ein reichlich maroder Balken

Ein reichlich maroder Balken

Manche Balken sind schwer geschädigt...

Manche Balken sind schwer geschädigt...

...oder fehlen ganz.

...oder fehlen ganz.

Neue Balken werden eingesetzt.

Neue Balken werden eingesetzt.

Die Beschädigungen an den Fenstern fallen sofort ins Auge

Die Beschädigungen an den Fenstern fallen sofort ins Auge

Arbeiten am Turmhelm

Arbeiten am Turmhelm

Das alte und schadhafte Gesimse...

Das alte und schadhafte Gesimse...

..und das neu sanierte.

..und das neu sanierte.

auf der Landkarte anzeigen

Eichenholz und Entlastungsstützen

Genau dieses Tragwerk war nun durch Feuchtigkeit akut gefährdet. Bevor die morschen Balken jedoch herausgesägt werden konnten, musste eine komplexe Konstruktion an Hilfsstützen errichtet werden. Sie übernahm für die Dauer der Arbeiten temporär die Lasten von Glockenstuhl und Turmhelm, damit oben nichts ins Rutschen geriet. Im betroffenen Arbeitsbereich wurden dafür vorab Abschnitte der Schalung (der hölzernen Bretterlage unter dem Dach) sowie der Schieferdeckung behutsam abgenommen.

Der eigentliche Umfang der auszutauschenden Hölzer erwies sich dann glücklicherweise als überschaubar. Besonders erfreulich aus Sicht der Denkmalpflege: Der Austausch erfolgte fachgerecht mit regionalem Eichenholz. Das erfüllt nicht nur die strengen Vorgaben des Denkmalschutzes zur Substanzerhaltung, sondern ist gleichzeitig ein Paradebeispiel für nachhaltiges Bauen mit kurzen Transportwegen.

Das Thema Klimaschutz konnte ganz pragmatisch angegangen werden: Turmhelm und Glockenstuhl sind naturgemäß unbeheizt und müssen den jahreszeitlichen Witterungsschwankungen frei trotzen können. Auf künstliche Dämmstoffe konnte daher komplett verzichtet werden.

Ein neues Kleid nach alter Dachdeckerkunst

Nachdem die Gerüste standen, konnte man auch die Schiefereindeckung aus nächster Nähe begutachteten. Schnell war klar: Ein kleiner Flicken würde hier nicht ausreichen. Die Verschieferung des gesamten barocken Turmhelms erwies sich als dringend erneuerungsbedürftig. Um die Baustellenkosten im Rahmen zu halten, wurde das bereits stehende Fassadengerüst kurzerhand weiter aufgestockt.

Bei der Neueindeckung entschied man sich für die Altdeutsche Deckung. Bei dieser handwerklichen Königsdisziplin behaut der Dachdecker jeden einzelnen Naturstein individuell von Hand vor Ort. Die Schieferplatten werden von unten nach oben in variierenden Breiten und Höhen verlegt und können sich auf die Weise geschmeidig an die Schwünge der Turmhaube anpassen. Darunter sorgt eine moderne Unterspannbahn – eine wasserabweisende, diffusionsoffene Schutzbahn – dafür, dass Flugschnee und Feuchtigkeit keine Chance mehr haben. Die Abdichtungen an Kanten und Anschlüssen wurden traditionsgetreu in langlebigem Blei ausgeführt.

Rund 200.000 Euro waren für die Sanierung projektiert, 15.000 Euro hat die Stiftung KiBa bereitgestellt. Der enorme Aufwand für die Maßnahme hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Von Romanik bis Rokoko

Die Wickrathberger Kirche blickt auf eine fast tausendjährige Kontinuität zurück: Bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts stand an dieser Stelle bereits eine erste Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor. Um 1200 wurde sie durch eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit vorgesetztem Westturm ersetzt und dem heiligen Nikolaus geweiht. Reste des romanischen Chors und ein kunstvoller Bogenfries sind bis heute erhalten.

Im 15. Jahrhundert erhöhte man die Schiffe und zog im Chor ein elegantes spätgotisches Sterngewölbe ein. Aus dieser Zeit stammt auch die größere der beiden Glocken: die 1449 von Johann von Venlo gegossene Marienglocke mit dem Schlagton „es“.

Nach der Reformation wurde die Kirche 1569 zur reformierten Hauskirche der Herren und späteren Reichsgrafen von Quadt. In den 1770er-Jahren – zeitgleich mit dem Neubau des nahegelegenen Schlosses Wickrath – ließen die Grafen von Quadt das Kircheninnere völlig neu ausstatten. Die Rokoko-Ausstattung ist bis heute erhalten geblieben. Der lichtdurchflutete, weiß gefasste Raum mit seinen feinen goldenen Ranken ist in seiner Geschlossenheit eine kunsthistorische Rarität im Rheinland. Blickfang ist die kunstvoll geschnitzte Patronatsloge (der sogenannte „Grafenstuhl“), bekrönt vom Wappen der Quadt-Wickrath, das von zwei Wappenbären gehalten wird.

Auf der Empore steht die 1770 von Jacob Engelbert Teschemacher geschaffene Orgel. Ihr historisches Gehäuse und die Prospektpfeifen sind original erhalten. 1990 wurde das Werk im Sinne des feinen, charakteristischen Originalklangs restauriert.

Das Dorf Wickrathberg

Wickrathberg, heute ein rund 2.200 Einwohner zählender Stadtteil im Mönchengladbacher Stadtbezirk West, wird idyllisch von der Niers durchflossen, deren Auenlandschaft seit einigen Jahren renaturiert wird.

Schon in der Jungsteinzeit siedelten hier Menschen. Ausgrabungen belegten römische Gutshöfe (Villae rusticae) samt Fußbodenheizung (Hypokaustum). Im 17. Jahrhundert zog Pastor Johannes Eilbracht mit seiner Lateinschule Schüler aus nah und fern an. Ganz in der Nähe der Kirche steht eine barocke Wassermühle an der Niers, die Graf Quadt um 1700 errichten ließ. Darüber hinaus beherbergte das Dorf über Jahrhunderte eine blühende jüdische Gemeinde – einst die größte im Landkreis Grevenbroich. An die 1938 zerstörte Synagoge erinnert heute eine Gedenkplatte in der Berger Dorfstraße.