„Eigentlich viel zu groß“
„Kirche des Monats November 2026“ in Buttstädt
Der Absturz des Apostels war das vorläufige Ende: Als im Mai 1978 Teile des Gesimses von der Decke der St.-Michaelis-Kirche in Buttstädt (Thüringen) fielen – darunter auch die hölzerne Figur des Paulus – wurde die Stadtkirche abgesperrt. „In der DDR-Zeit ist dann gar nichts weiter passiert“, erinnert sich Pfarrer Dirk Sterzik. Zum Glück blieben weder der Apostel noch die Gemeinde nachhaltig niedergeschmettert. Nach der Öffnung der Mauer gab es erste Wiederherstellungsarbeiten, im Jahr 2003 konnte das Gotteshaus seine Türen wieder für Besucherinnen und Besucher öffnen. Seitdem geht es bergauf mit St. Michaelis; in wenigen Wochen wird die Sanierung des Kirchturms abgeschlossen sein.
„Viel, viel, viel zu groß“ sei die Kirche für Buttstädt eigentlich, sagt Dirk Sterzik. Rund 2500 Menschen leben dort heute, im Gotteshaus haben 400 Platz. Das liege daran, dass zur Zeit seiner Gründung im 16. Jahrhundert ein stattlicher Viehmarkt den Ort zur Blüte gebracht hatte. „Die Händler trieben ihre Viehherden parallel zur Via Regia.“ Das entsprechend groß konzipierte Gebäude am zentralen Markt wurde im Jahr 1551 geweiht. 1684 kam es bei einem Stadtbrand zu Schaden; erhalten blieben allein der Chor und die Mauern des Kirchturms. Das Innere der wiederhergestellten Hallenkirche gestaltete im Jahr 1720 ein Kunsthandwerker namens Franziskus Dominikus Minetti aus Florenz, seitdem deckt eine reich mit Stuck und Gemälden verzierte Holztonne den Kirchenraum. Bemerkenswert ist auch der barocke Kanzelaltar mit lebensgroßen Figuren, den Hofbildhauer Friedrich Phillipp Puppert wenige Jahre später schuf.
Der mit seiner Zwiebelhaube das Ortsbild prägende Turm von St. Michaelis hatte die Sanierung dringend nötig: Abgesehen von einer statischen Sicherung mussten die Handwerker Instandsetzungsarbeiten am Mauerwerk und der hölzernen Tragekonstruktion der Bekrönung vornehmen. 610.000 Euro hat die Gemeinde dafür aufzubringen; die Stiftung KiBa gibt 15.000 Euro dazu. Der Aufwand hat sich gelohnt, meint der Pfarrer, der just auf der Turmbaustelle nach dem Stand der Dinge geschaut hat: „Es ist ein Traum. Die Fachleute haben hervorragend gearbeitet! Ich bin sicher, dass der Turm die nächsten 500 Jahre solide bleibt.“

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt

St. Michaelis Buttstädt
Höchstes Lob hat Sterzik auch für die Buttstädter und ihren „genialen“ Förderverein „Michaelis braucht Hilfe“, der die Sanierung seit anderthalb Jahren voranbringt. „Kaum gibt es eine Idee zur Förderung der Kirche, da sind auch schon die Gelder beantragt“. Eine der ersten Maßnahmen der Vereinsmitglieder war es, Bilder in Buttstädt aufzuhängen, die das Gotteshaus mit und ohne Turm zeigten. Das turmlose Szenario sollte aufrütteln und zu Spenden für die anstehende Sanierung motivieren. „Nehmen Sie aus den Orten die Kirchtürme heraus – das ist eigentlich unvorstellbar. Jeder hat eine Verbindung dazu.“
Die Bildmacht wirkte. „Die erste Spende kam schon an, da hatten wir noch nicht einmal ein Konto“, erinnert sich der Pfarrer. Regelmäßig freuten sich die Vereinsmitglieder über Spenden im vierstelligen Bereich. Benefizkonzerte lassen die Spendensumme weiter wachsen, ein „Riesenschritt“ sei auch der vom Verein wiederbelebte Michaelismarkt im Oktober gewesen: „Es gab 29 Aussteller, der Markt war voll. Die Menschen kamen aus allen Häusern.“ Sterzik selbst hatte die Nachtschicht am Bierwagen übernommen - und am nächsten Morgen ein wenig Mühe, zum Gottesdienst aufzustehen, erzählt er schmunzelnd. „Buttstädt ist beseelt“ fasst er die allgemeine Gemütslage zusammen.
So viel Schwung gibt es für die Kirche, dass auch ihre Nutzung in Bewegung gerät. Der neueste Coup der Buttstädter: Schulunterricht im Kirchenraum. Und zwar nicht im harten Kirchengestühl, sondern in eigens bestellten Liegestühlen. Der Pfarrer schwärmt: Davon, wie Gotik und Barock erlebbar sind, wenn man sich ihnen nicht durch Abbildungen in Büchern, sondern live und in Farbe annähert. Und vom Religionsunterricht, „bei dem man Paulus in die Augen schauen kann“. Der Sturz des Apostels war in St. Michaelis eben doch nicht das Ende, sondern ein Anfang.