Tomke Droste mit ihrem jüngsten Kind; sie liebt die Kirche ihres Dorfes Nutha mit den neuen Glasfenstern
Tomke Droste mit ihrem jüngsten Kind; sie liebt die Kirche ihres Dorfes Nutha mit den neuen Glasfenstern Charlotte Sattler

Der Zauber des bunten Lichts

Projekt „Lichtungen“ in der Landeskirche Anhalts

In der Landeskirche Anhalts entsteht seit zehn Jahren faszinierende Kunst: Mehr als 30 Kirchen haben im Projekt „Lichtungen“ schon neue Glasfenster erhalten. Die flüchtige Schönheit des Lichts – die lässt sich in der Dorfkirche von Nutha, einem Ortsteil von Zerbst/Anhalt, entdecken. Wenn man denn zur richtigen Zeit kommt. „Im Winter am besten am frühen Mittag“, hatte Tomke Droste gesagt. Die 36-jährige Agrarökonomin achtet auf den Sonnenstand, wenn es um die Kirche in ihrer neuen Heimat geht. Seit fünf Jahren lebt sie mit ihrer Familie in dem 200-Seelen-Dorf zwischen Magdeburg und Dessau, wo ihr Mann einen Landwirtschaftsbetrieb führt. Zurzeit erwartet sie ihr drittes Kind. Droste ist im Kirchenvorstand aktiv, denn sie liebt diese Feldsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert, die innen so modern daherkommt.

Heute ist ein kalter, aber strahlend heller Wintertag. Tomke Droste wischt die Steinstufe zum Altarraum. Unter dem königsblauen Kleid ist deutlich der Babybauch zu sehen. Die kleine Tochter Ebba in Stiefeln und Wollweste schaut gedankenverloren den bunten Farben nach: Leuchtende Flecken ziehen über die weiß getünchten Wände und lichtgrauen Kirchenbänke. Ein Lichtstrahl trifft die kupferne Taufschale, in der auch Ebba getauft wurde. Zarte Lichtspiele, die sich aus der Gestaltung der Kirchenfenster ergeben. Jedes ist unterschiedlich, durch alle aber ziehen sich längliche Flächen in Rot, Weiß, Blau oder Gold.

Nutha ist einer von mehr als 30 Orten in Sachsen-Anhalt, deren renovierungsbedürftige Kirchen – oft im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen – neue Fenster erhielten. Zeitgenössische Glaskunst für mittelalterliche Kirchen – darum geht es beim Projekt „Lichtungen“ der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Seit 2015 engagiert die Landeskirche dafür Kunstschaffende, darunter auch große Namen wie Johannes Schreiter oder Tony Cragg. In Nutha schuf Gerlach Bente nicht nur die Fenster, sondern auch Altar, Taufbecken, Redepult und Wandbild. So eine komplette Neugestaltung ist aber nicht der Regelfall. „Wichtig ist, dass die Künstler und Künstlerinnen sich auf den konkreten liturgischen Raum einlassen“, sagt Albrecht Lindemann, 50, Regionalpfarrer in Zerbst und Mitarbeiter in der Projektgruppe „Lichtungen“. Er sieht darin eine Chance, Nützliches und Schönes zusammenzubringen: Die Menschen in den Dörfern behalten ihre Kirchen nicht nur – diese erscheinen buchstäblich in neuem Licht. Der Theologe beobachtet, dass die Zahl an Taufen und Hochzeiten ansteigt, dass mehr Menschen die Gotteshäuser besuchen, Touristen oder Kunstinteressierte, dass Konzerte stattfinden oder auch mal ein Klassentreffen. Zudem: „Direkt zu erleben ist der Gewinn, der aus der bewussten Auseinandersetzung mit der Gestaltung der Kirchen erwächst.“ Was sich nicht erhöht, ist die Zahl der Gottesdienste. Lindemann ist für zehn Gemeinden mit zwölf Kirchen zuständig. In Nutha predigt er nur dreimal im Jahr. Aber dennoch: „Die Leute vor Ort sind das Entscheidende, und die sind aktiv geworden.“

Fenster in der Dorfkirche Nutha

Fenster in der Dorfkirche Nutha (c) Charlotte Sattler

Regionalpfarrer Albrecht Lindemann hat das Projekt „Lichtungen“ mit angeschoben

Regionalpfarrer Albrecht Lindemann hat das Projekt „Lichtungen“ mit angeschoben (c) Charlotte Sattler

Dorfkirche Nutha

Dorfkirche Nutha (c) Charlotte Sattler

Früher Glasbausteine, heute Künstlerfenster: die Kirche von Kermen

Früher Glasbausteine, heute Künstlerfenster: die Kirche von Kermen (c) Charlotte Sattler

Heidrun Ligmal ist Küsterin in Kermen

Heidrun Ligmal ist Küsterin in Kermen (c) Charlotte Sattler

Der renovierte Barockaltar in Kermen

Der renovierte Barockaltar in Kermen (c) Charlotte Sattler

Die Kirche von Kermen

Die Kirche von Kermen (c) Charlotte Sattler

Die Kirche von Nutha

Die Kirche von Nutha (c) Charlotte Sattler

Aktive Leute vor Ort sind für das Projekt wichtig

Das zeigt sich auch in Kermen, ein paar Kilometer weiter südlich von Nutha. Das winzige Dorf hat rund 50 Einwohner, ein ehemaliges Rittergut und eine klitzekleine Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert mit einem opulenten barocken Hochaltar. Zu DDR-Zeiten war im Gutshof die LPG, im Pächterhaus lebten acht Familien. Die kriegsbeschädigte romanische Kirche war nur notdürftig geflickt und kaum genutzt worden, der letzte Gottesdienst fand 1970 statt. Nach der Wende standen Gutshaus, Ställe, Scheunen bald leer. „Als wir herkamen, war das gesamte Grundstück mit Brombeersträuchern zugewachsen. Auch die Kirche sah man kaum mehr“, erinnert sich Carsten Lippold. Der 51-jährige Tischler stammt aus der Gegend, er kaufte den Gutshof 2018, zog mit seiner Familie ein und saniert seitdem ein Gebäude nach dem anderen. Eine Ferienwohnung und der Festsaal werden bereits vermietet, weitere Gästezimmer sollen folgen, dazu ein Hofladen – und irgendwann auch eine Gastwirtschaft.

Aufbruchstimmung herrscht im ganzen Dorf. Während die Lippolds am Gutshof arbeiten, räumen andere die Kirche frei, die nun auch wieder einen Turm erhält. Der barocke Hochaltar wird restauriert, die Glasbausteine in den Fensteröffnungen durch echte Kunst ersetzt: verspielte Formen in Weiß, Blau und Gold. Glasgestalter Günter Grohs hat die Farben und Formen des Altars aufgegriffen. Das erste Fenster wurde am 21. April 2017 angebracht. Küsterin Heidrun Ligmal erinnert sich genau an das Datum. Denn einen Tag später hat Pastor Albrecht Lindemann sie und ihren Mann in der Dorfkirche getraut – 40 Jahre nach ihrer standesamtlichen Hochzeit. „Klingt komisch, oder?“, sagt die 74-Jährige mit leisem, glucksendem Lachen. „Aber kirchlich hat es zu DDR-Zeiten nie geklappt. Jetzt passte es einfach.“ Sie wirkt 20 Jahre jünger, als sie vom Tag davor erzählt: „Ich wollte noch kurz etwas in die Kirche bringen. Da sah ich den Handwerker auf den Bänken stehen, die neue Glasplatte in der Hand.“ Dieses erste Fenster – das Brautpaar sollte damit überrascht werden, erfuhr Ligmal später – berührt sie immer noch besonders: „Es bedeutet für mich Neuanfang.“

Das „neue Kermen“ stößt auf Interesse: Im Juni 2025 kamen 200 Menschen zur Einweihung des restaurierten Altars. Beim Tag des Denkmals im September waren es 300. Das macht die Menschen stolz. „Wenn man mich früher gefragt hat, wo ich herkomme, habe ich gesagt: aus der Nähe von Zerbst. Heute antworte ich richtig stolz: Kermen“, sagt Wolfhard Völzke, 75, Landwirt und gebürtiger Kermener. Die „Lichtungen“ haben den Ort bekannt gemacht. Auch Völzke hat kürzlich in der kleinen Kirche gefeiert: die Taufe seines Enkels. Und weil zu so einer Feier Kirchenmusik gehört, hat er sich umgeschaut, die ausrangierte Orgel aus dem Nachbarort aufgetan und Geld für ihren Umzug gesammelt. Erfolgreich. Nun erklingt in der kleinen Kirche neben dem Schafstall manchmal Orgelmusik.

Tomke Droste in Nutha hat eine kürzere Bindung zu ihrer Kirche. Aber die ist in die Zukunft gerichtet. Die gebürtige Ostfriesin hat schon in mehreren Orten gewohnt, hatte sich aber den dortigen Kirchen nie wirklich geöffnet, sagt sie. Die Beziehung zu ihrer Heimatkirche in Ostfriesland ist stark, und da würden wohl auch ihre Kinder getauft werden, hatte sie früher gedacht. Dann hat sie sich anders entschieden. Weil die Kirche in Nutha so hell und klar ist und sie ästhetisch anspricht. Und weil sie sich in der Gemeinde wohlfühlt. So ließ sie die ersten zwei Kinder hier taufen. Und allzu gerne hätte sie ihren Mann auch hier geheiratet. Wegen der großen Gästezahl mussten sie aber nach Zerbst ausweichen. Immerhin: Am Heiligen Abend des vergangenen Jahres steht das Paar doch Hand in Hand vor dem Altar in Nutha. Sie mimen beim Krippenspiel Maria und Josef. Passte zu gut, weil sie ja hochschwanger ist. Wieder spielt die Sonne mit: „Das bunte Licht tanzte durch die Fenster in den Kirchenraum“, erzählt Tomke Droste.

Für die Ostfriesin mit dem Sinn für Schönheit ist die Dorfkirche zu einem Stück Familiengeschichte geworden. Ein Bezugspunkt im Ort, ein Symbol dafür, angekommen zu sein. Auch ihr nächstes Kind wird hier bald die Taufe empfangen. Zu einer Tageszeit, in der die Sonne auf die Taufschale trifft und das Kupfer zum Leuchten bringt. Das werden sie schon gut planen. Und ja, auch Tomke Droste ist stolz auf das Schöne in ihrer neuen Heimat: „Wenn wir Besuch bekommen, zeigen wir immer zwei Dinge: unsere Felder und die Kirche.“

Das Projekt „Lichtungen“

Das Glasfenster-Projekt wird von der Evangelischen Landeskirche Anhalts getragen und begleitet vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (Halle) sowie dem Förderkreis „Entschlossene Kirchen“ im Kirchenkreis Zerbst. Sieben weitere Kirchen sollen demnächst Fenster erhalten, ein Ende des Projekts ist nicht in Sicht.

Von Hanna Lucassen

 

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