Chorkonzert in Spornitz (Mecklenburg-Vorpommern)
Chorkonzert in Spornitz (Mecklenburg-Vorpommern) Dan Petermann

Dorfkirchen – meine Liebe!

Das Festivalprojekt „Dorfkirche mon amour“ hat die Nordkirche vor vier Jahren gestartet. Dank der großen Resonanz ist es seitdem immer mehr gewachsen. Es lebt vom Einsatz der Menschen, die in ihren Kirchen Konzerte, Theaterstücke, Gemeindefeste oder Kunstevents auf die Beine stellen – mit großem Erfolg. Unsere Reporterin war bei einem besonderen Chorkonzert in Spornitz in Mecklenburg dabei.

Der 27. Juni ist der vielleicht heißeste Tag des Jahres im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns. 36 Grad, kein Windhauch geht, fast menschenleer sind die Straßen von Spornitz, einem 1200­Seelen­Ort nahe Parchim. Allerdings sind sie nur fast menschenleer, denn rund um die Dorfkirche geht es am Nachmittag lebendig zu. Autos kommen an, Menschen gehen in die Kirche mit ihrem mosaikartigen Mauerwerk aus Feld­ und Backsteinen. Als um fünf Uhr das Konzert zum Tag der Musik beginnt und der Chor die ersten Töne von Franz Schuberts „Deutscher Messe“ singt, läuft den Zuhörern trotz der Wärme ein Schauer über den Rücken. Was für ein Klang!

Die Stimmen von 32 Sängerinnen und Sängern erfüllen den Raum, dringen hinauf auf die Empore, wo die restaurierte Mehmel-Orgel steht, und bis in jede Ritze des weißen Dachgebälks. Feierlich, sanft, getragen erklingt die Strophe des ersten Gesangs „Wohin soll ich mich wenden...“. Die kommende Dreiviertelstunde hören die Zuhörer, die sich trotz der brütenden Hitze aufgemacht haben, gebannt den acht Messgesängen zu. Kaum zu glauben, dass sich dieser Chor erst vor vier Wochen gebildet hat.

Chorleiterin Susanne Dieudonné steht, von der Hitze unbeeindruckt, vor ihrem Chor, schwingt die Arme im Takt der Melodie und geht in die Knie, um den Sängerinnen und Sängern die Höhen und Tiefen des Liedes zu verdeutlichen. Bei der öffentlichen Probe zwei Stunden vor dem Konzert hatte sie mit ihren Chormitgliedern Übungen gemacht, damit sich das Zwerchfell anspannt oder die Kiefermuskeln lockern. Immer wieder gelobt, gescherzt, so dass alle lachen mussten, und das Publikum zum Mitsingen aufgefordert. „Sänger blühen erst im Konzert richtig auf“, hatte sie vor dem Auftritt gesagt und recht behalten: Jeder Ton sitzt.

Das Konzert in Spornitz steht beispielhaft für das, was in diesem Sommer in Dorfkirchen und städtischen Quartierskirchen in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Hamburg passiert: Sie werden künstlerisch belebt. Im Projekt „Dorfkirche mon amour“ der Nordkirche bespielen von Mai bis Dezember kreative Menschen ihre Kirchen mit Konzerten, Lesungen und experimentellem Theater oder veranstalten Sommerfeste mit Kaffee und Kuchen im Kirchgarten. Im schleswig-holsteinischen Munkbrarup zum Beispiel laden junge Leute zum „Holy Night Fever“-Tanzen in ihre Dorfkirche, im mecklenburgischen Stepenitztal gibt es Barockmusik bei Kerzenschein, in Demmin in Vorpommern wird das Stück „De Fischer un sin Fru“ gespielt und bei dem Konzert in Spornitz war jedermann aus der Region eingeladen, in dem Chor mitzusingen, den Chorleiterin Dieudonné mit nur sechs Proben zu einem Klangkörper geformt hat.

2022 startete „Dorfkirche mon amour“ mit sechs Veranstaltungen, binnen vier Jahren ist daraus ein ausgewachsenes Kulturfestival geworden mit knapp 300 Veranstaltungen in 223 Kirchen, sogar die Landeskirche Hannovers ist erstmalig mit einigen Veranstaltungen dabei. Was für eine Resonanz! Insgesamt unterstützt die Nordkirche das Projekt mit einem eher kleinen Budget von 15 000 Euro, dazu kommen Zuwendungen und vor allem 30 000 Euro von der Stiftung KiBa, die das Projekt damit in diesem Umfang erst möglich gemacht hat.

Anna Luise Klafs vom pädagogisch-theologischen Institut der Nordkirche hat das Erfolgsprojekt ins Leben gerufen. Die energiegeladene 40­jährige Theologin trug die Idee für ein Kulturfestival schon lange mit sich herum. Seit sie vor zwölf Jahren aufs Land nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen ist, sei sie fasziniert von dem Engagement der Menschen für ihre Dorfkirchen, erzählt sie. „Es sind ganz unterschiedliche Leute darunter, Alteingesessene und Hinzugezogene, aus Vereinen, der Feuerwehr oder den Kirchengemeinden selbst. Sie eint, dass sie ihre Kirchen lieben und sie erhalten wollen. Oft auch aus Not heraus, weil die Gemeindefusionen an Dynamik gewinnen. Die Menschen wissen: Wenn wir uns jetzt nicht kümmern, dann wird unsere Kirche vielleicht verkauft.“ Klafs fragte sich, wie die vorhandenen Strukturen zwischen Gemeinden und Zivilgesellschaft gefördert werden könnten. Ihre Antwort: Kultur. „‚Dorfkirche mon amour‘ ist eigentlich eine Weiterentwicklung dessen, was die Menschen schon erarbeitet haben. Was mich beeindruckt, ist die Power der Leute. Wenn wir die als Kirche unterstützen können, dann ist das großartig“, sagt Klafs.

Chorkonzert in Spornitz (Mecklenburg-Vorpommern)

Chorkonzert in Spornitz (Mecklenburg-Vorpommern)

Die Kirche wurde im 13. Jh. aus Feld- und Backsteinen errichtet.

Die Kirche wurde im 13. Jh. aus Feld- und Backsteinen errichtet.

Kinder aus dem Kinderchor der Spornitzer Gemeinde geben ein Ständchen zum Besten

Kinder aus dem Kinderchor der Spornitzer Gemeinde geben ein Ständchen zum Besten

Die Mehmel-Orgel von 1875 in der Spornitzer Kirche war „Orgel des Jahres 2024“

Die Mehmel-Orgel von 1875 in der Spornitzer Kirche war „Orgel des Jahres 2024“

Energie ist auch in der Kirchengemeinde in Spornitz zu spüren. In der Gemeinde mit ihren nur rund 360 Mitgliedern gibt es für jede der drei mittlerweile sanierten Kirchen einen eigenen Förderverein. „Das ist ein großer Schatz. Die kümmern sich und machen zahlreiche Veranstaltungen für die Leute im Dorf“, sagt Pastor Ulrich Kaufmann. Er weiß aus Erfahrung: „Auch für viele, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben, ist das Kirchengebäude wichtig. Es ist die Mitte des Dorfes und identitätsstiftend.“ Die Spornitzer Kirche, die von alten Linden­, Kastanien­ und Ahornbäumen umstanden ist, wurde von 2020 bis 2022 saniert – auch mit Förderung der Stiftung KiBa. Im hellen Kirchraum, der von außen größer wirkt, als er ist, steht die Orgel von Friedrich Albert Daniel Mehmel aus dem Jahr 1875, die von der Stiftung Orgelklang gefördert und zur „Orgel des Jahres 2024“ gekürt wurde.

Für Annett Bieber, die Vorsitzende im Spornitzer Förderverein, ist es eine Herzensangelegenheit, dass die Orgel regelmäßig bespielt wird. Gemeinsam mit dem Kirchengemeinderat habe der Förderverein jüngst eine Frau aus dem Nachbardorf zur Organistin ausbilden lassen, erzählt sie. „Bei ihrem ersten Konzert hat sie Stücke von den Beatles bis Metallica auf der Orgel gespielt. Das ist total gut angekommen, Leute aus der ganzen Umgebung waren da“, erinnert sich die 55­Jährige, die mit ihrer ruhigen Art und einem fast schalkhaften Lächeln gastfreundlich und tatkräftig wirkt. Sie sei erst spät in die Kirche eingetreten und damit im säkularisierten Ostdeutschland die Ausnahme, sagt sie, lächelt und fügt hinzu: „Die Kirche ist so wichtig für die Gemeinschaft und den Zusammenhalt.“ Aktuell sei der Förderverein mit der neuen Nutzung des Pfarrhauses befasst, ein verwunschen ausschauendes Häuschen mit grünen Fensterläden im Kirchgarten. Das Problem: Auch in Spornitz wird im kommenden Februar eine Pfarrstelle eingespart, wenn Pastor Kaufmann mit 66 Jahren in Rente geht. „Wenn das Pfarrhaus nicht mehr bewohnt ist, müssen wir überlegen, wie wir die Kosten tragen können. Aber wir haben Ideen, zum Beispiel, es als ganze Wohnung zu vermieten, oder wir gründen eine Alten-WG“, sagt Bieber und schon lächelt sie wieder.

Schuberts Messe geht nach einer Dreiviertelstunde dem Ende entgegen. Der Chor singt den Anhang: „Das Gebet des Herrn“. Als die Stimmen verstummen, klatscht das Publikum lange, eine Zuhörerin springt auf und ruft: „Das war wunderschön. Bitte singt es noch einmal im Herbst, dieses Konzert müssen mehr Menschen hören.“ Susanne Dieudonné strahlt. Hinter ihr liegen Wochen mit viel Arbeit, doch es hat sich gelohnt. Später sagt Chormitglied und Tenor Georg Seemann: „Die Idee von ‚Dorfkirche mon amour‘ finde ich super. Ich singe oft in Dorfkirchen, die sind dann voll.“

Anna Luise Klafs ist bereits mit der nächsten Auflage von „Dorfkirche mon amour“ beschäftigt. Sie möchte das Netzwerk ausbauen. „Die Menschen, die die Projekte machen, haben eine unglaubliche Expertise, deswegen will ich sie mehr miteinander verknüpfen. Wir haben jetzt schon einen Dorfkirchen-Chat, im nächsten Jahr werden Webinare, zum Beispiel zum Thema Fundraising, dazukommen“, verrät sie. Man darf gespannt sein, was sich die Aktiven für ihre Dorfkirchen im kommenden Jahr einfallen lassen werden.

Von Katrin Wienefeld

Dorfkirchen erleben

Noch rund 80 Veranstaltungen sind bis zum Jahresende im Rahmen von „Dorfkirche mon amour“ zu erleben, zum Beispiel ein experimentelles Orgelkonzert in der Kirche Jördenstorf (Landkreis Rostock) am 19. September, ein Krimiabend im Kloster Cismar (Ostholstein) am 22. Oktober und das Konzert „Nussknacker und Mausekönig“ am 20. Dezember in der Flussschifferkirche (Hamburg). Vereine, Gemeinden oder Künstler, die Ideen für 2027 in ihrer Lieblingsdorfkirche haben, können sich von November an bis zum 31. Januar 2027 online bewerben. Alle Infos gibt es unter www.dorfkirchemonamour.de.

Dieser Artikel erschien zuerst im Stifungsrundbrief "KiBa aktuell". Den können Sie auch kostenlos abonnieren, vier Mal im Jahr kommt er dann zu Ihnen ins Haus. Interesse? Dann melden Sie sich im Stiftunsgbüro - per Telefon, Post, oder E-Mail.