Gott nahe und allen zugewandt
Ein Besuch im Kloster Stift zum Heiligengrabe
Das Kloster Stift zum Heiligengrabe im nördlichen Brandenburg ist ein Ort, an dem seit mehr als 700 Jahren Frauengemeinschaften leben. Heute sind es zwölf evangelische Stiftsfrauen, die das Klosterensemble pflegen und erhalten. Das gemeinsame geistliche Leben gehört ebenso dazu wie ein florierender Wirtschaftsbetrieb, vor allem aber die Offenheit für Gäste.
Wer das Kloster Stift zum Heiligengrabe in der brandenburgischen Prignitz besucht, wird keine verschlossenen Türen vorfinden. Weder Pforten noch Zäune gibt es an den Eingängen. Die Klosteranlage ist ein verwinkeltes Gelände mit Wiesen, Buchenhecken, Kräutergarten, altersschiefen Fachwerkhäuschen, dem Abteigebäude in der Mitte, an das sich die Kapelle anschmiegt, und der Stiftskirche. Man muss einen Augenblick innehalten, um den Ort wahrzunehmen, der zugleich ruhig und belebt ist, sich vielleicht auf eine der Bänke setzen und jemanden grüßen, denn es kommt immer jemand vorüber: eine Handwerkerin, der Gärtner, die Schüler der Gemeinschaftsschule, von denen manche auf Fahrrädern vorbeisausen, oder die Frau mit dem kleinen weißen Hund. Die Frau heißt Dorothea Messner, ist seit einem Jahr Stiftsfrau im evangelischen Konvent von Heiligengrabe und nimmt sich Zeit für jeden Klostergast, der sie anspricht. Die 71-Jährige ist auf dem Weg zu einer Besprechung der Stiftsfrauen und nimmt die Reporterin mit.
Das Kloster, als Zisterzienserinnenkloster im 13. Jahrhundert gegründet und seit 1998 ausgezeichnet als Denkmal von nationaler Bedeutung, ist ein lebendiger Ort. Seit rund 740 Jahren leben und arbeiten dort Frauengemeinschaften: zuerst Zisterzienserinnen, nach der Reformation entstand ein erster evangelischer Konvent, den Friedrich II. zum Damenstift erhob. Zu DDR-Zeiten auf wenige Mitglieder geschrumpft, zogen nach der Wende erneut Frauen nach Heiligengrabe. Aktuell besteht der Konvent aus zwölf Stiftsfrauen, von denen eine Irmgard Schwaetzer ist. Die ehemalige Präses der EKD-Synode und FDP-Spitzenpolitikerin trat vor drei Jahren in den Konvent ein. „Man spürt die Jahrhunderte, die die Frauen durch das Kloster gegangen sind. Es sind durchbetete Räume. Für mich war und ist es ein unglaublich attraktiver Ort, auch weil die Menschen hier zugewandt miteinander umgehen“, sagt Schwaetzer und fügt lächelnd hinzu: „Wir bezeichnen uns übrigens als Stiftsfrauen, den Begriff Damen haben wir längst abgelegt.“
Vier Stiftsfrauen sitzen an diesem Tag mit der Äbtissin Ilsabe Alpermann in deren Büro, um Organisatorisches zu besprechen. Neben der 83-jährigen Irmgard Schwaetzer und Dorothea Messner sind Gisela Krebs, ehemalige Grundschullehrerin aus Berlin-Neukölln, und die frühere Grünen-Politikerin Elisabeth Hackstein dabei. Auch wenn das geistliche Leben die Basis des heutigen Konvents ist, sind die Stiftsfrauen eingebunden in den ganz weltlichen Betrieb des Klosters. Das Stift – in der Rechtsform einer Stiftung öffentlichen Rechts – beschäftigt 20 hauptamtliche Mitarbeitende, Gärtner, Verwaltungsangestellte, Servicekräfte und die Stiftsförsterin.
Seit drei Jahren leitet Ilsabe Alpermann sowohl den Wirtschaftsbetrieb als auch das geistliche Leben im Kloster. „Meine erste Zeit als Äbtissin war schon herausfordernd, denn ich hatte ja nie eine Leitungsaufgabe mit Mitarbeiterverantwortung innegehabt“, sagt die 65-jährige studierte Theologin, die mit ihrer ruhigen Ausstrahlung klar und konzentriert wirkt. Sie kannte Heiligengrabe und überlegte nur kurz, als sie von der offenen Stelle als Äbtissin hörte, bewarb sich, absolvierte einen Intensivkurs in Betriebswirtschaft und zog mit ihrem Mann, einem ehemaligen Oberkirchenrat, in eine der Stiftswohnungen. „Der Passus ‚eine Stiftsfrau ist eine alleinlebende Frau‘ war zwei Jahre zuvor aus der Konventsordnung gestrichen worden“, berichtet sie.
Das historische Ensemble und die Stiftskirche wurden ab den 2000er Jahren unter Alpermanns Vorvorgängerin umfassend saniert, doch immer wieder kommen neue Baustellen hinzu. So soll zum Beispiel der ehemalige Speicher am Nordeingang, der noch nie saniert wurde, umgebaut werden. Im Erdgeschoss wird Platz für einen neuen Empfang des Klosters geschaffen werden, für ein Café und die Touristeninformation der Gemeinde. Im Obergeschoss sind Ausstellungsräume geplant. „Wir konnten in unfassbar kurzer Zeit das Speicherprojekt anschieben und Förderanträge mit Unterstützung der regionalen Politik und Wirtschaft stellen, weil wir eigenständig sind. Im Sommer 2026 wollen wir anfangen zu bauen. Da ist Tempo drin!“, sagt die Äbtissin.

Äbtissin Ilsabe Alpermann in der Bibliothek (c) Martin Steger

Vier Stiftsfrauen in der Klosterkirche; der Marienaltar stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert (c) Martin Steger

Im Klostergarten (c) Martin Steger

Andacht in der Klosterkirche (c) Martin Steger

Blick in das Klostergelände (c) Martin Steger

Mitarbeiter des Stifts (c) Martin Steger

Stille Einkehr auf dem Klostergelände (c) Martin Steger
Vielleicht gilt die Zuwendung, mit der Stiftsfrauen und Mitarbeitende im Kloster unterwegs sind, auch dem Gelände. Die Wiesen sind gemäht, aber nicht raspelkurz, an den Wegesrändern dürfen Kräuter wachsen. 18 Stelen stehen dezent im Gelände, die die Geschichte des Klosters erklären oder Porträts ehemaliger Äbtissinnen zeigen. Einen Teil der alten Klostergärten bekam die Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort in Erbpacht überlassen, die dort neu gebaut hat und Wohngruppen für behinderte Menschen und eine Tagespflege betreibt. Eine Schule in freier Trägerschaft hat das alte Stiftmannshaus gemietet, deren rund 60 Schüler das Klostergelände mit Leben erfüllen. Dazu kommt ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm: Nahezu an jedem Wochenende finden Seminare statt. Wenn am Samstag vor dem dritten Advent der klösterliche Adventsmarkt öffnet, steht der ganze Kreuzgang voll mit Handwerksständen. Dann zieht der Geruch von frisch gebackenem Kuchen durch den Gang und Menschen aus der ganzen Region besuchen das Kloster.
Die Basis des Miteinanders in Heiligengrabe sind die Gebetszeiten, die Mittagsandacht, aber auch Morgen- und Abendgebete. Zu diesen Zeiten verbinden sich auch die Stiftsfrauen, die nicht dauerhaft im Kloster wohnen, im Geiste mit dem Konvent. Ehrenämter übernehmen alle Stiftsfrauen: Klausuren und Einkehrzeiten sind vorzubereiten, Gisela Krebs organisiert die sommerliche Konzertreihe. Dorothea Messner übernimmt viele der Gästeführungen, Irmgard Schwaetzer moderiert regelmäßig bei Veranstaltungen des jüdisch-christlichen Lernhauses und Elisabeth Hacksteins Anliegen ist es, das Kloster mit der Region zu verbinden. „Ich habe mich von Anfang an im Kirchenkreis engagiert, zum Beispiel bin ich Mitglied in der Kreissynode und im Kreiskirchenrat“, sagt die 76-Jährige, die seit mehr als 20 Jahren als Stiftsfrau in Heiligengrabe lebt.
Nachwuchssorgen hat der Konvent nicht. Im Gegenteil, sie bekomme immer wieder Anfragen von interessierten Frauen, sagt die Äbtissin. „Wenn ich mit einer Bewerberin spreche, frage ich sie: Wie gestalten Sie Ihr tägliches geistliches Leben? Was ist Ihnen dabei wichtig?“, erklärt Gisela Krebs, die vor sieben Jahren Stiftsfrau wurde. Offen ist der Konvent für alle, die einer christlichen Kirche angehören, auch Lebenspartner dürfen mit auf dem Gelände wohnen. Die Aufnahmezeremonie einer Stiftsfrau findet in der Stiftskirche statt, die nur für besondere Anlässe und Konzerte genutzt wird und deren Ursprünge ins 13. Jahrhundert reichen. Dann versammeln sich Gemeinde und Stiftsfrauen, die zu diesem Anlass ihre Broschen und weißen Schärpen tragen. „Es ist ein besonderer Moment“, sagt Elisabeth Hackstein. „Wir gliedern uns als Stiftsfrauen in eine lange Kette der Frauen ein, die vor uns da waren und die nach uns kommen werden.“
Der zentrale Ort des geistlichen Lebens jedoch ist die Heiliggrabkapelle aus dem 16. Jahrhundert. „Sie ist überschaubarer und hat eine Fußbodenheizung“, sagt Stiftsfrau Hackstein. Das Sternengewölbe breitet sich wie ein schützendes Tuch über die Eintretenden aus, etwa auf Augenhöhe sind im Muster aus Lilien und Rosen die Namen der ehemaligen Äbtissinnen zu lesen. Zur Mittagsandacht stehen die Türen der Kapelle offen, um kurz vor zwölf Uhr kommen einige Gäste und Mitarbeitende hinein. Eine Kerze wird angezündet. Dorothea Messner kommt jeden Tag zur Andacht. Ihre Entscheidung, ins Kloster zu ziehen, hat sie noch keine Minute bereut. „Das geistliche Leben hier öffnet mir Horizonte“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, dass ich Gott näherkomme.“
Von Katrin Wienefeld
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