Wenn die Turmspitze sanft entschwebt
Spektakuläre Sanierung der St. Andreas-Kirche in Haferungen
Am Rande des Südharzes liegt Haferungen, ein Ortsteil der Gemeinde Werther im thüringischen Kreis Nordhausen. Hier konnte man vor einiger Zeit eine Kirchturmspitze sanft durch die Luft fliegen sehen. Hinter der spektakulären Aktion steckten aber ganz profan eine bauliche Notwendigkeit und eine Sparmaßnahme.
Manchmal dauert es länger, bis wir über eine erfolgreiche Sanierung berichten können. Kirchliche Verwaltungsstellen arbeiten gründlich. Bis eine vollständige Dokumentation die verschiedenen Stellen passiert und schlussendlich im Stiftungsbüro eintrifft, kann viel Zeit vergehen. Bei einer Kirche, die in ihrer heutigen Form seit 1720 im Ort steht und gar auf Fundamenten aus dem 12. und 13. Jahrhunderten ruht, mag das allerdings kaum ins Gewicht fallen. Bei Gotteshäusern rechnen wir nun einmal in anderen Zeiträumen.
Wenn der Zahn der Zeit am Schiefer nagt
Der Zustand der schmucken Dorfkirche St. Andreas war über die Jahre hinweg immer besorgniserregender geworden. Vor allem das Dach sah schlimm aus. Die noch aus DDR-Zeiten stammende Altdeutsche Schieferdeckung – eine traditionelle Deckart mit unterschiedlich großen Schiefersteinen – war völlig verschlissen. Die Stahlnägel waren durchgerostet und Schieferplatten waren heruntergefallen. Die Anschlüsse im First- und Gratbereich waren undicht, Feuchtigkeit konnte ungehindert eindringen.
Die hölzerne Dachkonstruktion war vor allem im Traufbereich, also dort, wo das Wasser ablaufen soll, durch Fäulnis beschädigt – auf der Süd- und Westseite des Turmes sogar so massiv, dass hier nur provisorische Sicherungen angebracht werden konnten. Eine grundlegende Sanierung war unumgänglich, um die Substanz der Kirche dauerhaft zu erhalten.

Turmhaube mit Satteldach: Umfangreiche Fäulnis-, Feuchtigkeitsschäden, verschlissene Dachdekung

Verwitterter Turmknopf mit Wetterfahne

Demontage der Turmhaube mittels Mobilkran

Turmhaube und Satteldach mit neuer Dachdeckung
Der „Flug“ der Turmhaube
Schon bald stellte sich heraus, dass die veranschlagten Kosten weit über dem Budget lagen. Man brauchte eine kostengünstigere Variante. Anstatt den gesamten Turm aufwendig und teuer einzurüsten, würde man die Turmhaube samt Laterne mit einem mobilen Kran einfach abnehmen!
Im Januar 2025 war es so weit: Der Mobilkran hob die gesamte Spitze behutsam vom Kirchturm und setzte sie auf einem bodennahen Abbundplatz ab. Dabei handelt es sich um einen Arbeitsbereich, auf dem Zimmerleute Holzkonstruktionen passgenau vorbereiten, bearbeiten und für die weitere Verarbeitung oder Montage instand setzen. Zunächst wurden die geschweiften Sparren repariert und danach die Dachschalung erneuert. Hochwertiger Naturschiefer deckt nun die Spitze. Am Ende wurden der Turmknopf – die goldene Kugel an der Spitze – und die Wetterfahne restauriert.
Am 2. April 2025 kehrte die sanierte Spitze schließlich an ihren angestammten Platz zurück. Mit einem traditionellen Knopffest am 17. Mai 2025 feierte die Gemeinde die erfolgreiche Instandsetzung ihrer Kirche.
Barocke Pracht und regionale Geschichte
Im Inneren beherbergt St. Andreas eine spätbarocke Ausstattung von 1727, darunter die Emporenbrüstungsgemälde und einen der schönsten Taufengel im Landkreis Nordhausen. Eine Besonderheit ist die Gruft der Familie des Drosten von Lüdecke im Erdgeschoss des Turms.
Der Ort Haferungen wurde bereits im August 1188 erstmals urkundlich erwähnt und liegt malerisch zwischen dem 251 Meter hohen Hamsterberg und dem Haferunger Berg. Das historische Rittergut, das 1923 noch über 200 Hektar Land bewirtschaftete, prägte über Jahrhunderte das wirtschaftliche Bild des Ortes, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Bodenreform enteignet wurde. Seit 1997 ist das etwa 200 Einwohner zählende Dorf ein Ortsteil der Gemeinde Werther. Mit einer eigenen Ortsteilverfassung und einem Ortsteilrat hat sich die Gemeinde ihre lokale Identität bewahrt – und mit dem erfolgreichen Abschluss der Sanierungsarbeiten an St. Andreas auch ihr weithin sichtbares geistliches Zentrum.