„Zöblitz hat seine Stimme wieder“
Die Glocken der Stadtkirche sind zurück
Es war ein hoch emotionaler Moment, als die Glocken in Zöblitz wieder zu läuten begannen. Die jüngsten sind sie beileibe nicht – zwei der drei Glocken stammen aus vorreformatorischer Zeit. Unter dem Motto „Himmelsklang und Festgesang“ hatte die Gemeinde zu einem Weihewochenende eingeladen.
Wie wichtig Kirchenglocken für das gemeinschaftliche und kirchliche Leben sind, merkt man schnell, wenn sie nicht mehr da sind. Denn sie sind weit mehr als bloße „Instrumente im Turm“: Sie rufen zum Gottesdienst, markieren den Rhythmus des Kirchenjahres und begleiten die Lebenswege der Menschen. Sie strukturieren den Alltag als hörbare Einladung zu Gebet und Gemeinschaft.
Einzigartiges Dreier-Geläut
Das Geläut der Stadtkirche Zöblitz ist insofern einmalig, weil es aus zwei vorreformatorischen Glocken und einer barocken Stadtglocke mit dem Stadtsiegel besteht.
- Die große Glocke (Ewigkeitsglocke): Sie wurde 1710 vom Dresdener Glockengießer Michael Weinhold gegossen, nachdem die Gemeinde 100 Jahre lang dafür gespart hatte. Sie wiegt 975 kg und hat den Ton f'. Ihre Inschrift lautet: „Soli Deo Gloria / Der Thonn faeli nur ins Ohr das Wort ins Herzens Acker / habs werth so find der Feind euch munter und auch wacker“. 1942 wurde sie beschlagnahmt und zum „Glockenfriedhof“ nach Hamburg gebracht. Dass sie 1950 zurück nach Zöblitz kam, ist ein kleines Wunder: Von den fast 90.000 auf dem „Glockenfriedhof“ gelagerten Glocken aus ganz Europa entgingen lediglich etwa 13.500 dem Einschmelzen und den Bombenangriffen auf die Hansestadt.
- Die mittlere Glocke (Betglocke): Diese Glocke ist das älteste erhaltene Objekt in Zöblitz. Sie wurde 1476 gegossen (vermutlich von Nicol Hilliger aus Freiberg), wiegt 520 kg und erklingt im Ton a'. Sie blieb als einzige von den Metallsammlungen der Weltkriege verschont. Ihre mittelalterliche Umschrift widmet sie Maria Magdalena.
- Die kleine Glocke (Taufglocke): Die heutige kleine Glocke kam erst 1957 nach Zöblitz. Sie ist eine „Wanderglocke“ aus dem Jahr 1475, die zuvor in Reuth und Ruppertsgrün hing. Sie wiegt 230 kg und hat den Ton c''. Ihre Vorgängerinnen hatten weniger Glück: Die ursprüngliche kleine Glocke (ca. 70 kg) wurde 1903 zusammen mit den Rathausglocken zu einer neuen Glocke umgegossen. Diese neue Glocke von 1903 entging im Ersten Weltkrieg knapp dem Einschmelzen, wurde aber 1942 im Zweiten Weltkrieg endgültig zerstört.
Zahn der Zeit
In Zöblitz im Erzgebirgskreis haben die Glocken jahrhundertelang ihren Dienst versehen, sie haben Kriege und Brände überstanden. Doch vor ein paar Jahren war klar: eine grundlegende Sanierung war dringend nötig. Während die mittlere Glocke noch anstandslos funktionierte, klang die kleinste inzwischen arg blechern. Und bei der größten Glocke „eierte“ der Klöppel dermaßen, dass Späne abgeschabt wurden und herunter fielen.
Auch die Glockenstühle waren in Mitleidenschaft gezogen: Vom jüngeren Glockenstuhl – 1903 aus Eisen errichtet – wollte man sich trennen, um den historischen hölzernen Stuhl aus dem 18. Jahrhundert zu ertüchtigen und einen ebenfalls aus Holz gefertigten „Bruder“ ergänzen. Darüber hinaus gab die Statik des Turms Anlass zur Sorge, das Fachwerk begann unter dem Befall von Braunfäule zu zerbröseln. Im Tragwerk waren mehrere Balken schadhaft.
Großes Engagement der Gemeinde
Einen wahren Kraftakt musste die Gemeinde bewerkstelligen, die Kosten für die Gesamtsanierung hatten sich auf rund 400.000 Euro summiert. Die Stiftung KiBa hatte 10.000 Euro Fördermittel bereitgestellt. Am Ende hat man in der Gemeinde buchstäblich „alle Register gezogen“: von Spendenbriefen und Benefizkonzerten über kreative Aktionen wie das Kerzenziehen, bis hin zu Stofftaschen und dem „Spendenbrot“ – ein uriges Roggenmischbrot aus der der Backstube eines Zöblitzer Bäckermeisters.
Am Weihewochenende konnte die Gemeinde nun endlich hochverdient die Früchte ihrer Arbeit ernten. Hier wurde wahrlich großes geleistet und die Stiftung KiBa ist stolz und dankbar, dieses wunderbare Projekt unterstützen zu können.
Das „Bergglöcklein“ und die Läutetradition
Eng mit der Geschichte der Zöblitzer Glocken verbunden ist das Bergglöcklein. Ursprünglich im separaten Marktturm von 1557 untergebracht, gab es die Schichten für den Bergbau vor (3 Uhr früh, 11 Uhr mittags, 7 Uhr abends). Nach dessen Abriss 1838 fand die Glocke 1843 ein neues Zuhause im Rathausturm, wurde jedoch 1854 bei einem großen Stadtbrand zerstört Ab 1903 übernahmen die Kirchenglocken (insbesondere die kleine Glocke von 1903) die Tradition des Bergläutens, die sich in Zöblitz bis mindestens 1917 gehalten hat.
Barocker Glanz im Erzgebirge
Der heutige Kirchenbau entstand im Jahr 1729 nach den Plänen des renommierten Dresdener Baumeisters Johann Christian Simon. 1904 wurde das Gotteshaus im barockisierenden Jugendstil umgestaltet – eine tiefgreifende Veränderung mit aufwendigen Deckenmalereien, Buntglasfenstern mit Akanthusornamentik und Balustraden aus dem für die Region typischen Zöblitzer Serpentin. Ein großer Kristalllüster, barocke Beichtstühle und zinnerne Bergmannsleuchter unterstreichen die Verbindung von bergbaugeprägter Tradition und kirchlicher Pracht.
Der reich geschnitzte barocke Kanzelaltar von 1750 mit Altarschranken aus Serpentin ist original erhalten. Am Taufstein von 1616 findet sich ein zinnernes Taufbecken, das mit gegossenen Reliefköpfen von Christus und den Heiligen verziert ist.
Ein weiteres Highlight ist die 1742 geschaffene Silbermann-Orgel mit 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal. 1996 wurde das Instrument umfassend restauriert und die Anfang des 20. Jahrhunderts eingebauten Modifikationen entfernt. Die originale Chortonstimmung wurde wieder hergestellt und der 1895 entfernte Tremulant rekonstruiert.
- www.heilandskirchgemeinde.de
- Bewahrung von Turm und Glockenklang-Traditionen
„Kirche des Monats September 2025“ in Zöblitz
- Die Stadtkirche Zöblitz in der KiBa-Projektdatenbank