Multifunktionsraum BOX in Vöhringen - Treffpunkt Kirche im Dorf
Multifunktionsraum BOX in Vöhringen - Treffpunkt Kirche im Dorf Sandra Schildwächter

Treffpunkt Kirche im Dorf

Multifunktionsraum BOX in Vöhringen

Wie war jetzt noch mal die Reihenfolge des Kürzels für die Veranstaltungsreihe in der Kirche? Petruskirche-Popcorn-Programm? Oder doch Popcorn-Programm-Petruskirche? Auf jeden Fall: „PPP“, das weiß Elisabeth Feyrer-Binder ganz genau, aber vielleicht könne sie ja „gschwind“ einmal die anderen fragen.

„Gschwind“ sagen sie hier oft im schwäbischen Vöhringen, ein Dorf am Ostrand des Schwarzwalds gelegen, im Landkreis Rottweil. Fachwerkhäuser, schmale Gebäude, im Zentrum ein Dorfplatz, der vor ein paar Jahren neu gestaltet wurde, und etwas erhöht, über ein paar Treppen, am Rand über allem thronend, die schneeweiße Petruskirche. 3600 Menschen leben in Vöhringen, gut 1400 sind evangelische Kirchenmitglieder. Und viele von ihnen sind in der Gemeinde aktiv, so wie Elisabeth Feyrer-Binder, Erzieherin im örtlichen Kindergarten und seit vielen Jahren im Kirchengemeinderat.

Am Donnerstagnachmittag steht draußen vor den Toren des Gotteshauses ein Aufsteller: „Heute Café mit Herz“; drinnen in der Kirche ist es voll, lebendig und laut. „In der Kirche“ muss allerdings relativiert werden: In Vöhringen gibt es im Kircheninneren noch einen zweiten Raum, in dem das „Café mit Herz“ seinen Platz hat: die Box!

Die Box ist auf den ersten Blick genau das, was ihr Name verspricht: ein rechteckiger Raum mit den Grundmaßen von 11,3 Meter Länge, 3,9 Meter Breite und 2,6 Meter Höhe. Ein bisschen wie vom Himmel gefallen wirkt das kastenähnliche Gebilde in seiner Rauheit aus rohem Holz und Glas in dem historischen Ambiente der Dorfkirche mit dem frühgotischen bunten Glasfenster, dem Altarraum mit Jesuskreuz, dem historischen Taufstein von 1463, den Säulen und der umlaufenden Holzempore.

Und ja, genau dieser Gegensatz, der war gewollt. „Wenn Kirche sich in die Zukunft bewegen will“, beschreibt es Elisabeth Feyrer-Binder, „dann muss sie neue Wege gehen.“ Die Box in Vöhringen ist so ein neuer Weg. Ein erfolgreicher.

Wie können wir unsere Kirche zu einem Ort für die Zukunft machen?

Die Idee dazu entstand schon vor vielen Jahren, erinnert sich Gottfried Kircher, der bis 2024 Pfarrer in Vöhringen war: „Zunächst einmal wollten wir nur, dass Kinder mit ihren Eltern am Gottesdienst teilnehmen können, ohne die Gemeinde zu stören.“ Die Verantwortlichen der Petruskirche begannen zu experimentieren. Sie stellten Lautsprecher in die Sakristei, damit die Eltern von dort aus dem Gottesdienst folgen konnten, während die Kinder spielten. Für das Kirchencafé nach dem Gottesdienst legten sie Bretter über die hinteren Bänke, servierten dort Kaffee und Kuchen. Eine andere Idee war, Kinofilme im Kirchenraum vorzuführen oder andere Abendveranstaltungen zu organisieren, immer mit dem Leitgedanken: „Wie können wir unsere Kirche zu einem Ort der Gemeinde und der Gemeinschaft für die Zukunft machen?“, so der damalige Pastor.

„Kirche macht was. Aus deiner Idee!“ lautete der Titel eines Wettbewerbes der Württembergischen Landeskirche zum Lutherjahr 2017. Und die Gemeinde in Vöhringen machte was und bewarb sich. „Volle Pulle“, sagt Gottfried Kircher, ging es voran: „Es war eine heiße Zeit.“ Eine Zeit, in der viele Menschen viele gute Entscheidungen trafen: Dazu gehörte, sich bei weiteren Förderprogrammen zu bewerben, ein junges Architekturteam anzusprechen – und immer wieder die Gemeinde einzubeziehen. Das war besonders wichtig, denn: „Es gab viel Gegenwehr“, erinnert sich Elisabeth Feyrer-Binder. Kuchenkrümel auf der Kirchenbank? Popmusik im Altarraum? Womöglich angestammte Sitzplätze für einen neuen Raum in der Kirche opfern! Das gab viele böse Briefe, sogar Austritte aus der Gemeinde, doch die Kerngruppe blieb bei Der Stange. Sie sammelte Gestaltungsideen, entschied sich für den Box-Entwurf des Architektenteams und akquirierte weiter Fördergelder. Rund 200 000 Euro hat der neue Raum am Ende gekostet; die Gemeinde erbrachte Eigenleistungen im Wert von 9000 Euro; über Spenden und Kollekten kamen 61 000 Euro zusammen; sprich: Der weitaus größte Teil wurde fremdfinanziert. Seit 2018 gibt es die Box. Einen Sonderpreis mit 5000 Euro gewann sie 2025 beim Wettbewerb „Preis der Stiftung KiBa“.

Die Petruskirche in Vöhringen von innen

Die Petruskirche in Vöhringen von innen (c) Sandra Schildwächter

Die Petruskirche in Vöhringen von außen

Die Petruskirche in Vöhringen von außen (c) Sandra Schildwächter

Monika Bugala und Veronika Freudenmann bereiten für das „Café mit Herz“die Kuchentheke vor

Monika Bugala und Veronika Freudenmann bereiten für das „Café mit Herz“die Kuchentheke vor (c) Sandra Schildwächter

Mitglieder des Box-Teams: darunter Nikola Rebehn (vorne rechts), Elisabeth Feyrer-Binder (2. von rechts), Monika Bugala (links), hinten 2. von rechts: Gottfried Kircher

Mitglieder des Box-Teams: darunter Nikola Rebehn (vorne rechts), Elisabeth Feyrer-Binder (2. von rechts), Monika Bugala (links), hinten 2. von rechts: Gottfried Kircher (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich

Die Box ist ein schmaler Raum, der den hinteren Teil der Kirche einnimmt. Dank einer gut ausgestatteten Küchenzeile sind Bewirtungen in der Kirche möglich (c) Sandra Schildwächter

auf der Landkarte anzeigen

Die Box wirkt im Dorf wie ein Inkubator für neue Ideen

Was hat der neue Raum in der Kirche verändert? „Unglaublich viel“, meint Nikola Rebehn. Sie organisiert alle zwei Wochen das „Café mit Herz“, sorgt dafür, dass die Ehrenamtlichen genügend Kuchen backen, dass Kaffeebohnen da sind, „für die Barista-Vollmaschine“ in der kleinen Küche; dass das Geschirr auf dem Tisch steht, Kissen auf den Stühlen liegen, das Hinweisschild auf der Straße steht.

Kommen auch Gemeindefremde zum Café? „Ja“, berichtet Brigitte Lehmann, die mit Ehemann Hermann regelmäßig dabei ist. Im Sommer würden Touristen das Café-Schild auf der Straße sehen und oft gern ein Päuschen einlegen. Und das „Café mit Herz“ ist längst nicht die einzige Veranstaltung, die in der Box stattfindet. Häufig kommen Anfragen auch von nichtkirchlichen Organisationen, den Pfadfindern, dem CDU-Kreisverband. Was eben so anstehe im Dorf, sagt Brigitte Lehmann. Und Nikola Rebehn berichtet, dass der einladende kirchliche Kubus im Dorf ein bisschen so wie ein Inkubator für weitere Ideen gewirkt habe: „Viele haben durch die Box realisiert, wie wichtig direkte Kommunikation ist.“ So gibt es im Ort seit kurzem ein „Schwätz-Bänkle“: Wer sich da hinsetze, zeige anderen, dass er oder sie gerne reden will.

Geld verdienen will die Gemeinde nicht mit ihrer Box, wer sie nutzt, gibt eine kleine Spende oder eine Gegenleistung, zum Beispiel ein Konzert in der Kirche. Besonders die Kinder lieben den neuen Raum. Während der Gottesdienste können sie dort jetzt spielen, die Eltern sitzen auf den Bänken hinter dem Glas, schauen zu und hören über die integrierte Tonanlage, was in der Kirche gesprochen oder gesungen wird. Umgekehrt kann ein Sichtschutz auch dafür sorgen, dass niemand in der Kirche gestört wird, wenn in der Box etwas stattfindet. Und wenn bei Konzerten die Kirche bis auf den letzten ihrer 540 Plätze gerammelt voll ist, dann ermöglicht die Box, dass auch Getränke angeboten werden können – eine perfekte Infrastruktur in Zeiten, in denen sich die Kirche nach neuen Zielgruppen umschauen muss. Denn auch in Vöhringen sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder stetig. Hinzu kommen der demografische Wandel und die drängende Frage: Wie kann man die Jungen für Kirche begeistern?

Mit dieser Frage sind wir zurück am Anfang der Geschichte – wie heißt es jetzt korrekt, wenn in der Kirche Abendveranstaltungen stattfinden? Elisabeth Feyrer-Binder hat nachgefragt: Die Abkürzung PPP steht für „Petruskirche-Popcorn-Programm“. Die Erzieherin berichtet von Theater- und Kinoabenden in der Kirche, bei denen dann die Box-Küche dazu genutzt werde, frisches Popcorn zu machen und in kleinen Papiertütchen zu verteilen. Und wenn die Gäste dann krümeln? In den Kirchenbänken? Na ja, meint Elisabeth Feyrer-Binder: Kirche müsse sich eben anpassen an neue Zeiten – und ein paar Krümel im Kirchenraum seien auf diesem langen und schwierigen Weg ein kleines, ein sehr kleines Übel.

Von Dorothea Heintze

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Stifungsrundbrief "KiBa aktuell". Den können Sie auch kostenlos abonnieren, vier Mal im Jahr kommt er dann zu Ihnen ins Haus. Interesse? Dann melden Sie sich im Stiftunsgbüro - per Telefon, Post, oder E-Mail.