Altarkerze in der Klosterkirche Loccum
Altarkerze in der Klosterkirche Loccum

Wo Gott Wohnung nimmt

Predigt im Gottesdienst über Jes. 66, 1+2a – Lk. 19, 1-10

Von Landesbischof Ralf Meister

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

„Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“ – seit 56 Jahren wirbt die LBS so für ihre Bausparverträge. Vor zwei Jahren haben sie den Werbeclaim für die jüngeren Menschen von „Sie“ auf „Du“ umgestellt. Erfolgreich zielen sie damit auf eine menschliche Grundgeste: die Erfüllung des Traums eines Eigenheims. Poetischer ausgedrückt: nach einem bergenden, heimatlichen Raum. Seit Menschen sesshaft geworden sind, suchen sie nach Orten, an denen sie Heimat und Zugehörigkeit finden. Deshalb taucht in vielen Erzählungen und alten Geschichten diese Raumsuche immer wieder auf. Am berühmtesten im Weihnachtsevangelium: „Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum (topos) in der Herberge.“ (Lukas 2,7). Die erste Suche der Eltern, nachdem das Neugeborene den umhüllenden Raum des Mutterleibes verlassen hat, ist die Suche nach einem Raum; ganz egal ob Krippe oder perfekt gestyltes Kinderzimmer. Wir brauchen Räume, um leben zu können. Sie schützen vor Wind und Wetter und begrenzen den Trubel um uns herum.

„Wo wohnst du?“, fragen wir gerne, wenn wir jemanden kennenlernen. Da geht es nicht nur um einen Straßennamen und eine Hausnummer. In der Villa Kunterbunt oder im Weißen Haus? Niemand möchte heute im Weißen Haus wohnen. Eine Wohnstätte ist gewissermaßen ein Spiegelbild meines Lebens. Unsere Wohnstätten zeigen, wie und vielleicht auch woraufhin wir leben. Worin wir uns zu Hause fühlen.

Was die Wohnstätte für einen Einzelnen ist, ist für ein Dorf oder eine Stadt ein Kirchenraum. Kirchen sind die besonderen Wohnstätten eines Ortes. Sie sind das Zuhause einer Glaubensgemeinschaft. Und sie zeigen das innen und außen.

„Die Kirche soll jedes Christen Heimstatt sein, wenn irgendjemand darin erschlagen wird, so geht das nach demselben Recht, als wäre er zu Hause in seinem eigenen Hofe oder seinem Haus erschlagen.“ In diesem alten Votum aus dem seeländischen Rechtsbuch des Königs Erichs wird die Analogie zwischen Haus und Kirche eindrücklich benannt. Kirchen waren schon immer Zufluchtsorte. In Kriegs- und Sturmzeiten bieten Wehrkirchen Schutz, in Friedenszeiten sind sie Heimat der Gläubigen. Andererseits: Keine noch so schön restaurierte Kirche kann Gott vollkommen fassen. Schon in der frühesten religiösen Baukunst drückt sich die Einsicht aus, dass auch der schönste Raum für Gott keinen Ort schaffen kann, an dem er ganz aufgeht. An einen Ort bannen lassen sich Gott und sein Reich nicht. Sie sind hier, aber auch all-überall zu finden.

Zwei Lesungen haben wir gehört, die auf den ersten Blick erstaunlich kritisch gegenüber dem Gedanken eines „Gotteshauses“ erscheinen. Durch den Propheten Jesaja spricht Gott: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?“ (Jes 66,1). Es geht nicht darum, dass Gotteshäuser überflüssig wären. Jesaja wendet sich gegen die Vorstellung, Menschen könnten Gott in einem Bauwerk besitzen oder über ihn verfügen. Kein Tempel, keine Kirche, kein noch so erhabener Raum vermag Gott zu umfassen.

Die Begegnung Jesu mit Zachäus setzt einen anderen Punkt. Jesus sagt nicht: „Komm mit mir in den Tempel“, sondern: „Heute muss ich in deinem Hause einkehren.“ (Lk 19,5). Während Jesaja davor warnt, Gott an einen Ort zu binden, zeigt Jesus, wie Gott sich dem Menschen zuwendet. Gott wartet nicht darauf, dass der Mensch den richtigen heiligen Ort findet; er überschreitet selbst die Schwelle und tritt in die Lebenswelt des Menschen ein. Die Nähe Gottes ereignet sich nicht erst im sakralen Raum, sondern mitten im gewöhnlichen Leben.

Kirchen sind nicht deshalb bedeutsam, weil Gott nur hier zu finden wäre. Sie sind bedeutsam, weil sie versuchen die ganze Geschichte Gottes mit uns Menschen beherbergen. Von der Taufe bis zur Bahre, von Adam bis zu uns. Sie erzählen von der Erfahrung vieler Generationen, in denen Gott Menschen begegnet ist. Kirchen halten die Sehnsucht nach Gott wach und weisen auf den, den kein Gebäude fassen kann.

Es ist deshalb eine doppelte Perspektive, mit der wir auf Kirchengebäude sehen. Die eine Perspektive ist skeptisch, was ihre Bedeutung angeht. So predigte Martin Luther zur Einweihung der Schlosskirche in Torgau, „dass wir des Sabbaths und anderer Tage und Stätten Herren sind.“ Und an anderer Stelle sagte er, markig, wie er war: „Wo der böse Geist gewahr würde, dass wir das Gebet üben wollen, wenn es gleich unter einem Strohdach oder in einem Saustall wäre, ... würde er sich weit mehr vor diesem Saustall fürchten als vor allen hohen, großen, schönen Kirchen, Türmen, Glocken, ... wo solch ein Gebet nicht drin ist“. Ein Kirchengebäude hatte für Luther keine eigene Würdigkeit. Es dient den Menschen zur Feier des Gottesdienstes. Es ist kein heiliger Raum und kein Ort, an dem Gott sich dauernd aufhält. Aber, deshalb hielt Luther auch an den Bildern in der Kirche fest: man kann ein der Kirche eine Menge über Gott erfahren. Eine Kirche weist auf Gott selbst hin. Was die Kirche ausmacht, ist nicht das Gebäude aus Stein, sondern das Lebendige, die Gemeinschaft der Glaubenden, das, was sich in der Gegenwart Gottes und der Menschen ereignet.

Auch wenn Kirchengebäude nicht heilig sind, haben sie doch eine Bedeutung, die sich nicht funktional beschreiben lässt. Zunächst einmal sind und waren Kirchengebäude mit ihren Türmen ganz weltliche Orientierungsmarken. Man sieht sie von Ferne, sie geben Richtung. Sie zeigen die Lage der Dörfer, den Mittelpunkt einer Ansiedlung und manchmal sind sie sogar Leuchtzeichen am Meeresrand oder am Flusssaum. Wegmarken zwischen Himmel und Erde.

Aber auch innerhalb der Kirchen wird Orientierung gegeben. Sie sind ein Kompass des Glaubens. Woran richtest Du Dein Leben aus? Was fordert Gott von Dir? Auf Gottes erste Frage: „Mensch wo bist Du?“ antworten wir: „Hier, Gott, wo wir dir einen Wohnort bauen.“ Es ist das, was ich höre, rieche, empfinde, wenn ich eine Kirche betrete. Es ist das, was mich umfängt als Atmosphäre, als Präsenz und bewahrte Geschichte. Ihre Stille. Ihre Erhabenheit. Die Musik, die hier gespielt und gesungen wird. Die Worte der Bibel, die hier zu Hause sind. Nirgends sonst so wie hier. Es ist ein Echo, das aus den alten Mauern, Balken, Epitaphien, Kunstwerken hallt. Und es sind die persönlichen Echos der eigenen Familiengeschichte. Taufen und Hochzeiten. Tage des Gedenkens, wenn hier nach einem Abschied Fürbitte gehalten oder ein Name am Ewigkeitssonntag verlesen wurde. 

Hier hörten die Bewohnerinnen und Bewohner die Rufzeichen zum Gottesdienst, die Nachricht von Taufe und Tod und den Hinweis auf das Gebet des Herrn. Von den Kirchtürmen rufen Glocken auch die zum Gebet und zur Fürbitte, die nicht im Gottesdienst sind. Sie erinnern an Zeit und Ewigkeit. 

Nein, Gott wohnt nicht zwischen Mauern. Aber hier war und ist sein Geist unter den Menschen. Das hallt nach aus den Steinen, Balken und Emporen. Aber für Menschen ist es wichtig. Es sind durchbetete Räume, durchsungene Räume, erfüllte Räume, weil Menschen darin erfüllt waren. Und wenn es gut geht, nehmen sie etwas von dieser Erfülltheit mit hinaus, tragen es nach Hause und leben es unter den Menschen weiter. „Wisst ihr nicht, dass (ihr selbst), euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt? Darum preist Gott mit eurem Leibe.“ (1. Kor 6.)

Wie sich ein solcher „Tempel des Heiligen Geistes“ im Alltag zeigen kann, habe ich einmal an einer Küsterin in einem Dorf in Niedersachsen erlebt. Heute lebt sie nicht mehr. Aber ihr Leben lang gehörte sie zu einer Dorfkirchengemeinde. An der Kirche war ein alter Wehrturm und um die Kirche der alte Friedhof. Linker Hand lag das Pfarrhaus und an der rechten Seite des Kirchwegs das alte Küsterhaus. Da wohnte sie mit fast 80 Jahren und der blau gemusterten Kittelschürze. Sie gehörte zum Kirchenensemble wie die Gebäude selbst.

Sie fegte lieber als staubzusaugen. Sie werkelte den ganzen Tag zwischen Haus, Garten und Kirche. Im Dorf machte sie alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Aus dem Ort kam sie selten heraus. Aber alle kannten sie und sie kannte jeden. War jemand gestorben, läutete sie drei Mal zehn Minuten mit der Totenglocke. Sie programmierte nicht den Computer, was sie durchaus konnte. Sondern sie ging zwischen elf und zwölf drei Mal in die Kirche. Sie schaltete per Hand die Glocke an, wartete, ging wieder zu ihrem Haus, kam wieder zur Kirche, läutete wieder, kürzte einen Docht, wischte etwas Staub weg und so dauerte ihr Totengedenken eine ganze Stunde. Aber sie zählte nicht die Stunden. Für sie zählte, dass diese Stunde wichtig war.

Es war ein Verstorbenendienst und auch ein Gottesdienst, eine Art heilige Handlung. Darin lag etwas Weises. Es war die Haltung, dass man jeden Handgriff und jede Verrichtung so tun kann, dass es Sinn und Bedeutung hat. Sie zeigte, wie Dinge Bedeutung bekommen, wenn man wirklich dabei ist. Das war es, wofür man sie achtete. Es tat den Menschen gut.

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.“ heißt es im Epheserbrief (Eph. 2,17f). Evangelium in Reinkultur. Sätze mit ausgebreiteten Armen. Ein weit- und warmherziger Zuspruch auch für alle, die sich nicht sicher sind, wohin sie gehören. Das Bild von der Welt als Bau Gottes, in der alle Menschen als gleichberechtigte Hausgenossen miteinander wohnen werden. Welche wunderbare Vision, aktuell in einer Welt, die auseinanderzufallen droht.

Unsere Kirchen sind die Räume, die diese Erzählungen bewahren. Sie tragen die Schätze, die wir geerbt haben.

Die alte Küsterin erzählte mir von einem Gebet, das sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat: „Wovöol Joahren sünd vergoahn! Wovöol Minschken hett dat geben, wovöol hemm se docht und doan?! Du Herr, büst de sülvig bleeben, de vull Leev’d und Goedigkeit mit uns geiht. Blief bi uns in toekom’n Tied. Geev uns Doerp und Kark dien Segen. Moak uns Minschkenharten wiet – wovöol Hülp hemm wi al kregen, kom du in uns Hart un Sinn deep herin.“

Amen