An Bord der „FGS Steinhude“ geht's über das Meer
An Bord der „FGS Steinhude“ geht's über das Meer

Der „Mangel-Fritz“ und das Meer

Mit dem KiBa-Förderverein in Steinhude

Der Sonntag beginnt mit der sprichwörtlichen Herrgottsfrühe, denn der Zeitplan ist – wie eigentlich immer auf den Mitgliederversammlungen – eng getaktet. Immerhin passt das gut zum Kloster, denn damalige Zisterzienser-Mönche mussten durchaus um 02:00h aufstehen, um am nächtlichen Stundengebet (den Vigilien) teilzunehmen. So früh war es bei uns denn doch nicht.

Regen und Wind

Von einer kleinen Gruppe Teilnehmender hatten wir uns schon verabschieden müssen. Immerhin kommt so manches Vereinsmitglied aus den entlegensten Teilen Deutschlands und hatte noch eine entsprechend lange Bahnfahrt vor sich. Gute 20km sind es von Loccum nach Steinhude. Die legt der Reisebus trotz einiger baustellenbedingter Umwege schnell zurück. Vor Ort erwarten uns bereits die ortskundigen Fremdenführer.

Steinhude, so lernen wir bei leichtem Regen und kräftigen Windböen, wurde schon im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt.  Über Jahrhunderte hinweg lebten die Menschen hier vor allem von der Fischerei, der Landwirtschaft und verschiedenen Handwerken. Die Böden der Umgebung sind sandig und liefern nur begrenzte landwirtschaftliche Erträge. Viele Familien waren daher auf zusätzliche Erwerbsquellen angewiesen.

Leinenweberei

Im 17. und 18. Jahrhundert gewann die Verarbeitung von Flachs zu Leinen immer stärker an Bedeutung. Flachs ist genügsam und ließ sich gut anbauen. Um an die wertvollen Fasern der Pflanze heranzukommen, war einiges an Arbeit nötig. Die geernteten Pflanzen wurden geröstet, gebrochen und gehechelt. Anschließend wurde das Ganze zu Garn versponnen – typischerweise von Frauen – und dann auf den Webstühlen der Häuser zu Leinenstoff verarbeitet. Viele Familien betrieben diese Arbeiten im Nebenerwerb und schufen sich damit eine wichtige wirtschaftliche Grundlage.

Steinhude entwickelte sich allmählich zu einem bedeutenden Ort der Leinenherstellung. Das Gewebe wurde nicht nur für den Eigenbedarf genutzt, sondern auch auf Märkten in der Umgebung verkauft. Leinen ist robust, langlebig und vielseitig einsetzbar und war deswegen ein begehrtes Material. Bettwäsche, Kleidung, Säcke und viele andere Dinge mehr wurden daraus gefertigt.

Bei Regen und Wind kommen wir in Steinhude an

Bei Regen und Wind kommen wir in Steinhude an

Aber wir lassen uns vom schlechten Wetter nicht abschrecken!

Aber wir lassen uns vom schlechten Wetter nicht abschrecken!

An „Schweer's Aal-Räucherei“ - der Duft ist unverkennbar für Steinhude

An „Schweer's Aal-Räucherei“ - der Duft ist unverkennbar für Steinhude

Längst kommt der Aal von überall her, weil die Bestände im Steinhuder Meer stark zurückgegangen sind

Längst kommt der Aal von überall her, weil die Bestände im Steinhuder Meer stark zurückgegangen sind

Besuch in der „Steinhuder Kastenmangel“

Besuch in der „Steinhuder Kastenmangel“

Das Mangeln des Leinenstoffs war körperlich anstrengende Arbeit

Das Mangeln des Leinenstoffs war körperlich anstrengende Arbeit

73 (!) Jahre arbeitete Fritz Thiele hier - besser bekannt als der „Mangel-Fritz“

73 (!) Jahre arbeitete Fritz Thiele hier - besser bekannt als der „Mangel-Fritz“

Das Haus Graf-Wilhelm-Straße 17 ist das alte Pfarrhaus und steht unter Denkmalschutz

Das Haus Graf-Wilhelm-Straße 17 ist das alte Pfarrhaus und steht unter Denkmalschutz

Selbst am frühen Sonntag ist hier normalerweise mehr los - also, wenn die Sonne scheint

Selbst am frühen Sonntag ist hier normalerweise mehr los - also, wenn die Sonne scheint

An der Uferpromenade

An der Uferpromenade

Das bißchen Regen kann die KiBa nicht erschüttern...

Das bißchen Regen kann die KiBa nicht erschüttern...

„Undines Traum“ (von Hans-Jürgen Zimmermann, 1996) ist ein Entwurf für die Bühnenbilder der Ballettfassung von „Undine“ in der Oper von Hannover.

„Undines Traum“ (von Hans-Jürgen Zimmermann, 1996) ist ein Entwurf für die Bühnenbilder der Ballettfassung von „Undine“ in der Oper von Hannover.

Die Uferpromenade lädt zum Flanieren ein - vor allem, wenn dann doch die Sonne rauskommt

Die Uferpromenade lädt zum Flanieren ein - vor allem, wenn dann doch die Sonne rauskommt

Ein wichtiger Arbeitsschritt nach dem Weben war das Mangeln des Leinenstoffs – den lernen wir in der Steinhuder Kastenmangel kennen. Mit viel Liebe zum Detail hat die Familie Bredthauer 1998 hier ein kleines Museum geschaffen.

Beim Mangeln wird das Gewebe geglättet, verdichtet und veredelt. Dabei werden schwere Mangelsteine über den Stoff gerollt. Das war körperlich sehr anstrengend und erforderte Erfahrung, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erzielen. In der 1855 errichteten Kastenmangel erledigen das zwar einfache Maschinen, aber viel leichter wird die Arbeit dadurch auch nicht. Das Herzstück der Anlage ist ein gewaltiger Holzkasten, der mit etwa zwölf Tonnen Findlingssteinen gefüllt ist. Dieser Kasten wurde ursprünglich durch einen Göpelantrieb bewegt, den ein Ochse in Gang setzte. Erst 1930 wurde ein Elektromotor installiert.

Der „Mangel-Fritz“

Als Fritz Thiele 1857 als Gehilfe zur Steinhuder Kastenmangel kam, war er 14 Jahre alt. Tatsächlich arbeitete der „Mangel-Fritz“ unglaubliche 73 Jahre an der Mangel und wechselte danach noch für zwei Jahre als Koch in ein Hotel. So manch zeitgenössischer Politiker wäre von solch einer Arbeitsmoral vermutlich höchst angetan und würde dabei übersehen, dass hier eher die Sorge um das eigene Auskommen und weniger um die Wirtschaftsleistung im Allgemeinen im Vordergrund stand.

Der „Mangel-Fritz“ war über Generationen hinweg das Gesicht der Steinhuder Leinenmangel und schon zu Lebzeiten eine Legende.

Ein riesiges Binnengewässer

Heute ist Steinhude vor allem als Erholungs- und Tourismusort bekannt. Der Ort zieht mit seiner weitläufigen Wasserlandschaft, einer reizvollen Uferpromenade und ausgezeichneten Segel- und Radfahrmöglichkeiten jährlich zahlreiche Besucher an. Einst war die Fischerei auf dem Steinhuder Meer ein wichtiger Erwerbszweig, und die Steinhuder Fischer fingen dort auch Aale. Die Bestände sind jedoch seit Jahrzehnten stark zurückgegangen. Deshalb beziehen viele Räuchereien ihren Aal inzwischen aus anderen Gewässern oder aus Aquakultur, teils aus dem Ausland. Trotzdem ist der „Steinhuder Räucheraal“ als regionale Spezialität erhalten geblieben.

Ein richtiges „Meer“ ist das Steinhuder Meer natürlich nicht, sondern vielmehr ein durch Gletscher ausgeschürftes Flachgewässer, das nach der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 bis 15.000 Jahren entstanden ist. Weite Teile des heutigen Niedersachsens lagen damals unter einer dicken Eisschicht begraben. Schmelzwasser und Wind lagerten gewaltige Mengen von Sand ab. Dabei bildeten sich Dünen und flache Senken. In einer solchen Senke sammelte sich Wasser, das wegen undurchlässiger Bodenschichten nicht vollständig versickern konnte. So entstand allmählich das Steinhuder Meer.

Bei einer Fläche von rund 30 Quadratkilometern ist es im Durchschnitt nur etwa 1,5 Meter tief, an den tiefsten Stellen knapp 3 Meter. Oder wie die Steinhuder zu sagen pflegen: „Sie können im Steinhuder Meer überall stehen. Aber manchmal haben Sie dann auch Wasser über dem Kopf.“

Im Laufe der Jahrtausende verlandeten viele Bereiche am Ufer, wodurch ausgedehnte Moore und Feuchtgebiete entstanden. Diese Landschaft mit „schwimmenden Wiesen“ prägt die Umgebung bis heute und macht das Gebiet zu einem wichtigen Lebensraum für zahlreiche Vogelarten.

Die traditionellen „Auswanderer“ liegen vor Anker. Aber dafür sind wir zu viele.

Die traditionellen „Auswanderer“ liegen vor Anker. Aber dafür sind wir zu viele.

An Bord der „FGS Steinhude“

An Bord der „FGS Steinhude“

An Bord der „FGS Steinhude“

An Bord der „FGS Steinhude“

An Bord der „FGS Steinhude“

An Bord der „FGS Steinhude“

Vlick vom Schiff in Richtung Steinhude

Vlick vom Schiff in Richtung Steinhude

Während der Regenpausen ist es draußen schön

Während der Regenpausen ist es draußen schön

1761 ließ Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe den Wilhelmsstein als uneinnehmbare Inselfestung  errichten

1761 ließ Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe den Wilhelmsstein als uneinnehmbare Inselfestung errichten

Vor Marburg liegen die Boote und Yachten dicht an dicht

Vor Marburg liegen die Boote und Yachten dicht an dicht

Zum Glück fahren nicht alle gleichzeitig raus - sonst wird's eng

Zum Glück fahren nicht alle gleichzeitig raus - sonst wird's eng

Beste Bedingungen für die Windsurfer

Beste Bedingungen für die Windsurfer

Dramatisches Wolkenschauspiel über dem Steinhuder Meer

Dramatisches Wolkenschauspiel über dem Steinhuder Meer

Der „Kalimandscharo“. Bis 2018 wurde im Schacht Sigmundshall Salz gefördert

Der „Kalimandscharo“. Bis 2018 wurde im Schacht Sigmundshall Salz gefördert

Windsurfen müsste man können

Windsurfen müsste man können

Auf Wiedersehen!

Auf Wiedersehen!

Die KiBa sticht in See

Am Pier wartet bereits die „FGS Steinhude“ auf uns. 120 Passagiere kann sie aufnehmen und mit ihren 25 Metern ist sie größer als so mancher Küstenkutter. Genau wie die Schiffe im Wattenmeer zeichnet sie sich durch ihren geringen Tiefgang aus – gerade einmal 50cm.

Für die nächsten eineinhalb Stunden gibt es viel zu sehen. Da sind zum Beispiel die zahlreichen Windsurfer, die an diesem stürmischen Tag herrliche Bedingungen haben und sich anscheinend einen Spaß machen, mit hoher Geschwindigkeit an der „FGS Steinhude“ vorbei zu ziehen um ihr Können zu zeigen.

Mitten im Steinhuder Meer liegt der Wilhelmstein, eine künstlich angelegte Insel mit einer kleinen Festungsanlage. Sie wurde ab 1761 von Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe als nahezu uneinnehmbare Inselfestung errichtet, um sein kleines Territorium zu schützen. Die sternförmig angelegte Festung diente später als Militärschule. Ihr bekanntester Absolvent ist sicherlich der spätere preußische General Gerhard von Scharnhorst, der vor allem nach der vernichtenden Niederlage Preußens gegen Napoleon Bonaparte berühmt wurde. Später war der Wilhelmsstein Staatsgefängnis. Heute finden hier Kulturveranstaltungen statt und man kann hier auch heiraten. 

Große Fahrgastschiffe können am Wilhelmsstein nicht anlegen. Wer die Insel besuchen will, nimmt einen traditionellen „Auswanderer“, ein langes schmales Segelboot. Diese Boote haben einen sehr flachen Rumpf und tragen ein auffälliges Gaffel- oder Sprietsegel. Ihr Name kommt daher, dass sie mit ihren großen Segeln oft so wirkten, als würden sie „in die Ferne auswandern“, wenn sie über den See glitten.

Eine ganz besondere Kuriosität des Wilhelmsteins ist der „Steinhuder Hecht“, ein frühes U-Boot-Projekt, das Jakob Chrysostomus Praetorius 1762 vorgelegt hat. Sein Entwurf bestand aus einer Eichenholzkonstruktion in Form eines Fisches. Eine mechanisch bewegte Schwanzflosse sollte das Boot antreiben, zusätzliche Segel für mehr Geschwindigkeit sorgen. Praetorius stellte sich eine schnelle Postverbindung nach Lissabon vor, aber auch eine Nordpolarexpedition soll im Gespräch gewesen sein. Ein bisschen sieht der „Hecht“ aus, als hätten Jules Verne und Michaelangelo ihre Finger im Spiel gehabt. Gebaut wurde das Boot nie, ein Modell und Konstruktionspläne sind im Museum auf dem Wilhelmsstein ausgestellt.

Yachten und Aussichten

Im Norden des Meeres liegt Mardorf, ein wichtiger touristischer Standort (Strand, Surfen, Naturtourismus). Hier liegen unzählige Boote und Yachten jeglicher Größe und Preisklasse vor Anker. Wenn alle gleichzeitig lossegeln würden, bliebe den Hobby-Skippern kaum noch freies Wasser für ihren Törn.

Gut zu erkennen sind die hohen Kräne, die gerade Mardorfs neues Wahrzeichen bauen: der „Skyloop“, ein ca. 40 Meter hoher, bogenförmiger Aussichtsbau, soll die touristische Infrastruktur der Region deutlich erweitern. Er wird eine Aussichtsplattform und Erlebnisangebote wie Rutschen, Kletterelemente oder Eventflächen bieten. Später soll die Außenfasse vollständig begrünt werden.

Berge und Garnelen

Südlich des Steinhuder Meeres erhebt sich ein gewaltiger Berg – und es ist mitnichten das, was man ausbaggern musste, um das Meer zu erschaffen, wie so mancher Steinhuder gerne erzählt, weil ein ahnungsloser Tourist ihn genau das gefragt habe. Vielmehr handelt es sich um die Abraumhalde des Schachts „Sigmundshall“, den das Unternehmen K+S AG in Bokeloh über 120 Jahre betrieben hat. Ende 2018 wurde der Schacht geschlossen.

Aus großen Tiefen von mehr als 1000 Metern wurden Rohsalze (Kali / Hartsalze) gefördert, die bei der Produktion von Düngemitteln und Industrieprodukten eine wichtige Rolle spielen. In der Region ist der bis zu 140 Meter hohe Berg auch als „Kalimandscharo“ bekannt. Inzwischen wird er begrünt und wird wohl für alle Zeiten eine wichtige Landmarke der Gegend bleiben.

Mittlerweile werden die Flächen des ehemaligen Bergwerks im Rahmen des „Innoparks Sigmundshall“ als Standort für Zukunftstechnologien, Kreislaufwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion neu genutzt. Das neue Unternehmen „Gamba Zamba“ zeigt, wie sich eine Region neu erfindet, die über ein Jahrhundert vom Bergbau geprägt war. Im Endausbau soll „Gamba Zamba“ mehrere hundert Tonnen Garnelen pro Jahr produzieren und damit zu einem der größten europäischen Standorte dieser Art werden. Was im Prinzip auch wunderbar zum Steinhuder Räucheraal passt.

Abschied in Hannover

Am frühen Sonntagnachmittag endet die Mitgliederversammlung dort, wo sie für die meisten auch begonnen hat: Pünktlich im Zeitplan biegt der KiBa-Bus in den Zentralen Omnibusbahnhof am hannoverschen Hauptbahnhof ein. Jetzt geht es nach Hause, für manchen noch eine weite Reise. Eine Handvoll unserer Teilnehmer hängt gleich ein bis zwei weitere Tage in Hannover dran. Wir vom Stiftungsbüro geben Tipps, was man sich anschauen könnte.

Dann ist der Zeitpunkt der Verabschiedung gekommen und zahlreiche Hände werden geschüttelt. Lob und Dank werden geäußert – und wir sind stolz, wieder einmal eine erfolgreiche Mitgliederversammlung auf die Beine gestellt zu haben. Das ist aber auch nur möglich, weil das kleine KiBa-Team engagiert Hand in Hand arbeitet. Auch die Unterstützung unseres Reisebüros ist buchstäblich Gold wert.

Wir sind müde, aber glücklich. Im kommenden Jahr sehen wir uns alle wieder – in noch größerem und vor allem festlicheren Rahmen, denn 2027 feiert die Stiftung KiBa ihren 30. Geburtstag. Aber bis dahin ist noch Zeit, auch wenn schon ganz viel organisiert ist und der halbe Förderverein bereits zugesagt hat. So Gott will und wir leben – nächstes Jahr in Hannover.